Punkte


David beobachtet den Mann, der sich mit suchendem Blick nähert. Die Auslagen in den Schaufenstern und die Ständern vor den Geschäften beachtet der Fremde jedoch nicht.
Dann steht er vor ihm. “Darf ich Ihnen über die Straße helfen?”
Obwohl er gut allein hinüber käme, nickt David.
“Hiflst du mir jetzt auch noch die zwei Stufen in das Cafe dort vorn hinauf?”, fragt er auf der anderen Seite.
Wortlos schiebt der Fremde den Rollstuhl bis in das Kaffee hinein.
David winkt einigen der anderen Gäste zu und wendet sich dann an seinen Helfer: “Bitte, trink einen Tee mit mir.”
Statt einer Antwort, lässt dieser sich erschöpft auf einen Stuhl sinken.

Als sie kurze Zeit später am ihren heißen Getränken nippen, sagt er: “Danke. Ich bin Markus.”
“David. Du brauchst die Punkte, nicht wahr?”
“Ja, wir dürfen bald nicht mehr in die normalen Lebensmittelgeschäfte, sondern nur noch dorthin, wo es die angegammelten Reste gibt.”
“Wir?”
“Meine Frau und die Zwillinge. Sie sind zweieinhalb. Wir wollen sie nicht in die Kita geben.”
“Aus Fürsorge oder wegen der Indoktrination?”
Markus grinst. “Beides … Schon dieser Morgengruß.” Er schüttelt sich.
David ruft laut: “Leute! Die Hymne:” Etliche Besucher des Cafés skandieren mit ihm: “Als Bürger der Vereinten Welt geloben wir feierlich füreinander zu sorgen, den Regeln, die allen zugute kommen, zu folgen und für eine fortschrittliche, saubere Zukunft einzustehen.”
In das anschließende schallende Gelächter fällt auch Markus mit ein. Sein Gesicht wirkt, so entspannt, vollkommen verändert.
“Was hast du denn eben gesucht?”, fragt David.
“Müll.”
“Ich kann dir sagen, wo im Wald der liegt.”
“Das weiß ich selbst, schließlich habe ich früher bei den halbjährlichen Sammelaktionen mitgemacht. Aber … dort gibt es keine Kameras und ich brauche die Sozialpunkte.”
“Mensch, niemand wirft mehr etwas auf die Straße, um selbst keine Punkte abgezogen zu bekommen.”
“Ja, ich weiß, aber mit fiel nichts anderes ein. Inzwischen ist mein Punktestand so weit unten, dass ich keine ehrenamtliche Arbeit mehr verrichten darf. Nach fast zehn Jahren hat mich die Freiwillige Feuerwehr rausgeworfen. Ich seie unseriös.” Markus schnaubt.
“Naja, die müssen sich auch an die neue Weltordnung halten.”
Markus antwortet nicht, sondern schaut missmutig über den Rand seiner Tasse.
“Ich brauche jeden Tag Hilfe.” David klopft auf seinen Rollstuhl. “Wenn wir uns ein bisschen Mühe geben, kommen dabei einige Punkte zusammen.”
Markus starrt ihn an. “Meinst du das ernst? Warum tust du das?”
“Ich brauche wirklich etwas Hilfe. Bisher haben sich nur so super angepasste Leute angeboten. Die könnte ich nicht einmal mit hierher nehmen.” Er zögert. “Außerdem wünsche ich mir Familienanschluss. Meine Tochter lebt mit ihren Kindern in der ehemaligen USA. Seit die CO2-Emmission in die Flugpreise eingerechnet wird, können wir uns nicht mehr besuchen …” David spürt, wie seine Stimme mit jedem Wort kratziger wird.
Markus greift über den Tisch und legt seine Hand auf Davids Arm. “Abgemacht”.

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Ich helfe anderen Menschen gern – im Rahmen meiner Möglichkeiten. Dafür möchte ich keine Belohnung und ebenso keine Strafe, wenn ich zu verpeilt bin, um mitzubekommen, dass ich helfen könnte.
Ähnlich verhält es sich mit dem Umweltschutz. Ich vermeide Müll, trenne den unvermeidlichen, spare Wasser u. s. w. Das alles leiste ich aus Überzeugung. Dafür brauche ich keine Überwachung.
Auch wenn andere weniger empatisch mit Mensch und Natur umgehen, setze ich auf Information statt Strafe.

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Das Bild besteht aus zwei Bildern, die ich bei Pixabay gefunden und zusammengefügt habe. Das Foto der Erde ist von Arek Socha. Die Punkte sind von Gordon Johnson.

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