Mehr als ein Stückchen Himmel


Tanja hockt am Boden und lauscht an der leicht geöffneten Klappe in ihrer Wohnungstür. Vielleicht wird sie bestraft, aber sie kann nicht anders.
Normalerweise öffnet sie nur Dienstags die Klappe für einen kurzen Moment, um ihre Lebensmittel- und Medikamentenlieferung in Empfang zu nehmen. Zum Glück gibt es genug Menschen, die immun gegen die Seuche sind und alle anderen versorgen. Ab und an erhascht sie am Fenster einen Blick auf einen der schwarzen Wagen, aus dem Menschen in Schutzanzügen steigen, um irgendwo einen Toten abzuholen.
Sie schließt die Klappe, denn jetzt beginnt eine ihrer Lieblingssendungen im Fernsehen. Eigentlich kommt immer eine ihrer Lieblingssendungen, wenn nicht im Fernsehen, dann online. Darum läuft das Gerät Tag und Nacht. Tanja schläft und isst davor. Ihre Freunde sind die Helden oder auch die Antihelden einer Serie.
Anfangs hat sie noch mit ihren alten Freunden telefoniert. Als die Leitungen immer wieder ausfielen, haben sie gechattet, aber auch dabei gab es zunehmend technische Probleme. Seltsam, denn Onlinespiele und Streamingdienste konnte sie die ganze Zeit nutzen. Die Erklärung in den Nachrichten für diesen Umstand hat sie nicht verstanden.
Ob Maria, Paul und Lucie wohl noch leben?
Tanja verbietet sich diese Gedanken, stellt sich stattdessen vor, dass sie sich wieder in die Arme schließen, dass sie zusammen lachen, essen und singen. Sie versinkt ganz in diesem Tagtraum, sodass sie den Anfang ihrer Serie verpasst. Aber das ist kein Problem, sie kennt sie bereits, so wie fast alle Sendungen, die sie interessieren. Es wird nun mal nichts neues mehr produziert.

Zwei Stunden später schaut Tanja wieder, diesmal aus dem Fenster. Von schräg oben ist es schwer zu erkennen, aber sie glaubt einen Mann auf der Straße gesehen zu haben. Also geht sie erneut zur Tür und lauscht. Es ist still.
Sie sucht an allen drei Fenstern, schaltet auf einen Nachrichtensender. Dort läuft jedoch wie immer die Warnung vor dem Virus und seinen Mutationen. Sie wird gemahnt, sich an die Regeln zu halten, um niemanden zu gefährden. Zur Abschreckung werden wie immer Menschen gezeigt, die aus irgendwelchen Gründen ihr Heim verlassen haben und nun tot auf der Straße liegen. Tanja zappt weiter und versinkt erneut in einer Serie.
Kurz darauf klopft jemand unter ihr an die Decke. Tanja eilt zum Badezimmerfenster, öffnet es und hält sich die Konservendose, die dort auf dem Fensterbrett liegt ans Ohr. »Tanja, bist du da?«
»Ja. Ist etwas passiert?«, fragt sie aufgeregt.
»Nein«, beruhigt sie Leo, den sie noch nie gesehen hat, denn es ist verboten den Kopf aus dem Fenster zu stecken. Tanja hatte vor zwei Jahren das Dosentelefon gebaut und das eine Ende aus dem Fenster baumeln lassen, in der Hoffnung, es würde jemand zugreifen. »Es ist alles wie immer. Ich wollte nur mal Hallo sagen.«
»Ich glaube, ich habe vorhin einen Mann auf der Straße gesehen.«
»Quatsch, das ist doch verboten!«
»Und wenn sich etwas geändert hat und sie es uns nur nicht sagen?«
»Du fantasierst wieder. Erzähl mir lieber, was du heute kochst.«
»Gar nichts. Ich gehe nachher zur Pizzeria um die Ecke.«
»Du spinnst!« Dann spürt Tanja, wie die Schnur erschlafft. Leo ist weg.

Kurz darauf steht Tanja wieder an der Tür und lauscht. Sie weiß selbst nicht was sie überkommt, aber, sie öffnet ihre Wohnungstür, die in den letzten vier Jahren nur einmal geöffnet worden war. Damals war ihr Kühlschrank kaputt. Zwei von Kopf bis Fuß vermummte Gestalten hatten ihr einen neuen gebracht und den alten mitgenommen.
Jetzt tastet sie sich in Hausschuhen und Jogginghose vorsichtig die Treppe hinunter. Natürlich begegnet sie niemandem. Vor der Haustür hält sie inne. Soll sie besser zurückgehen. Noch wurde sie nicht entdeckt.

Nein! Tanja holt tief Luft, öffnet die Tür und geht drei Schritte hinaus. Ein leichter Wind streicht über ihre nackten Arme. Als könne sie den Lufthauch einfangen, greift ihre Hand danach. Dann schmiegt sie sich an ihren Freund den Baum, den sie all die Jahre nur von oben sehen konnte. Seine raue Rind kratzt an ihrer Wange. Tanja findet es wundervoll. Aus dem hohen Gras findet eine Ameise den Weg auf ihr Bein. Vorsichtig schiebt sie diese zurück auf die Halme.
Tanja schaut sich um, betrachtet den Himmel, der von hier aus groß und weit scheint. Sie will nicht zurück in ihre Wohnung, wo sie sich beinahe begraben fühlt. Auch wenn es sie einen hohen Preis kostet, will sie ein letztes Mal durch die Straßen gehen. Aber vielleicht findet sie nicht den Tod, sondern das Leben.
Ganz langsam verlässt Tanja die Wohnsiedlung.

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Bild von enriquelopezgarre auf Pixabay

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