Gewinner


Sebastian schaut sich im Raum um und betrachtet dabei unauffällig die elf fremden Menschen.
Die Blonde wirft ständig ihre Haare zurück, als sei sie die Schönste. Ein schmieriger Typ spielt mit seinem Autoschlüssel, damit ja jeder sieht, dass er einen BMW fährt. Bei dem dunklen Igel ist nicht einmal sicher, ob es sich um Männlein oder Weiblein handelt.
Unbehaglich rutscht Sebastian auf dem Stuhl hin und her. So mit den anderen im Kreis sitzend, kommt er sich vor wie im Kindergarten.
Die beiden Freundinnen tuscheln andauernd miteinander und kichern dann. Bestimmt lästern sie über die anderen. Die Dicke wäre durchaus in zwei zirliche Frauen zu teilen. Ein blasser Mann hängt auf seinem Stuhl wie hingegossen.
Worauf hab ich mich da nur eingelassen?, fragt sich Sebastian.
Seine Kollegin hat ihn monatelang zwischen den Rettungseinsätzen bearbeitet, an einem Familienaufstellen teilzunehmen. Als wenn so eine Veranstaltung etwas daran ändern würde, dass er im Heim aufgewachsen ist. Seine Eltern wollten ihn damals nicht und jemand anderes wollte ihn seither auch nicht.
Noch ist Zeit zu verschwinden …
Eine weitere Person betritt den Raum und schließt die Tür. Sebastian schluckt. Jetzt ist die Falle zugeschnappt, schießt es ihm durch den Kopf.
Der Mann setzt sich auf den letzten freien Stuhl. »Hallo zusammen! Ich bin Günther Wilhelm. Solche Aufstellungen leite ich seit vielen Jahren. Es ist immer wieder schön, mitzuerleben, wie leicht selbst schwierige Verstrickungen aufzulösen sind. Wenn ihr einverstanden seid, duzen wir uns alle. So können wir besser zusammenarbeiten.«
Er schaut in die Runde. »Heute werden sechs von euch ihr Anliegen aufstellen. Ihr werdet aber sehen, dass ihr auch davon profitieren könnt, wenn ihr nur als Statisten dabei seid. Bevor wir loslegen, stellt euch bitte mit euren Vornamen vor und erzählt uns kurz, ob ihr Familienaufstellungen bereits kennt und was ihr sonst noch wichtig findet. Magst du anfangen?« Auffordernd nickt er seinem rechten Nachbarn zu.
Als die Blonde an der Reihe ist, tischt sie ihre halbe Lebensgeschichte auf. Zumindest jene Hälfte, die Männer betrifft, von denen sie enttäuscht wurde. Der Igel heißt Tina. Vermutlich eine Lesbe, aber sie outet sich nicht. BMW ist genauso prollig wie vermutet. Er prahlt mit seinem sensationellen Job. Die Freundinnen ergänzen ständig die Sätze der anderen und Dicky jammert von zig erfolglosen Diäten, die sie ganz streng durchgezogen hat. Ja nee, is klar. Der Schlaffe nennt nur seinen Namen: Matthias.
Sebastian selbst erklärt nachdrücklich, dass er sich alles nur anschauen will.
Als die Runde endlich vollendet ist, fragt Günther, wer von den sechs beginnen möchte. Wie früher in der Schule werden alle immer kleiner, selbst Sebastian verschränkt die Arme vor der Brust.
Günther spricht Matthias an: »Magst du beginnen?«
»Ich weiß nicht …«
»Erzähl uns einfach deine Lebenssituation und was daran zurzeit schwierig ist«, fordert Günther ihn freundlich auf.
»Also … meine Frau hat mich verlassen und ich darf die Kinder nicht sehen. Außerdem habe ich meine Freunde und meinen Job verloren«, erklärt er, ohne eine Miene zu verziehen.
Einige der Anwesenden seufzen.
Ach du Scheiße, denkt Sebastian.
»Na, dann stellen wir das mal auf. Such dir bitte für deinen Job, deine Frau, jedes deiner Kinder und für dich selbst jeweils einen aus der Gruppe aus. Dann stellst du sie so zueinander, wie du ihre Beziehungen untereinander empfindest.«
Matthias erhebt sich schwerfällig und wählt sechs Personen aus. Einen Moment steht er unschlüssig da, dann weist er jedem einen Platz zu.
Gespannt wartet Sebastian ab, was jetzt passieren wird.
Günther bewegt sich bedächtig von einem zum anderen. »Wie fühlst du dich als Ehefrau an dieser Stelle?«, fragt er die Blonde.
»Ich wollte schon lange nicht mehr bei dem da bleiben, aber ich wusste nicht, wohin. Dann ist irgendwas passiert, wodurch ich wegkonnte.«
»Wie geht es euch?«, wendet sich Günther an die Kinder.
»Ich will meinen Papa sehen!«
»Ja, der spielt immer lustige Sachen mit uns.«
»Ich vermisse ihn!«
Die Antworten sprudeln nur so aus den Kleinen heraus.
Sebastian stellt verwundert fest, dass sie dabei tatsächlich wie Kinder klingen.
Günther fragt bei der Arbeit nach. Diese berichtet: »Es gibt keine starke Beziehung zu Matthias; die gab es noch nie.«
Zuletzt wendet sich Günther dem Stellvertreter von Matthias zu.
»Ich weiß nicht, was da passiert ist, aber seitdem geht alles schief. Jeder will etwas von mir«, erklärt der BMW-Fahrer mit matter Stimme.
Sieht der jetzt auch blasser aus?, überlegt Sebastian. Das kann doch nicht sein.
Günther spricht den echten Matthias an: »Möchtest du uns von dem Ereignis erzählen, das für dich so vieles verändert hat?«
»Ich habe gewonnen.« Matthias seufzt aus tiefstem Herzen. »Knapp fünf Millionen.«
Im Raum ist es atemlos still.
»Was?«, keucht BMW schließlich. »Du hast so viel Schotter? Damit musst du doch glücklich sein!«
»Bin ich aber nicht.«
»Wie fühlst du dich?«, hakt Günther nach.
»Erst euphorisch. Ich wusste ja schon lange, dass meine Frau unzufrieden war. Also kaufte ich ihr, was sie wollte. Trotzdem ging sie von einem Tag auf den anderen. Und mit ihr die Hälfte des restlichen Geldes. Ihr Anwalt teilte mir umgehend mit, dass das rechtens ist.« Matthias starrt auf den Boden. Die Gruppe wartet gespannt. »Sie erzählte überall herum, wie reich ich bin. Fortan standen jeden Tag Leute auf der Matte, die mich irgendwoher kannten. Aus meiner Schulzeit ebenso wie die Nichte des Bäckers, bei dem wir Brot kaufen. Alle erwarteten etliche Euro von mir, geliehen oder gar geschenkt, meinten, ein paar Tausend spielten bei einem Millionär doch keine Rolle. Meine Freunde zogen sich zurück, weil ich nun etwas Besseres sei.«
»Und dein Job?«
»Na ja, so richtig toll war der noch nie. Aber als rauskam, dass ich gewonnen habe, hieß es plötzlich, ich arbeite schlecht und sei unzuverlässig. Ich hielt das irgendwann nicht mehr aus, bin einfach weggeblieben. Daraufhin beurteilte mich das Jugendamt als verantwortungslos. Das Gericht hat entschieden, dass ich die Kinder vorläufig nicht sehen darf.«
»Wie schrecklich …«, äußert die Blonde ihr Mitgefühl.
»Bei solchen Leuten, da könnt ich kotzen!«, schimpft BMW.
Etliche in der Runde nicken zustimmend.
Günther zeigt auf Sebastian, »komm du bitte mal als das Glück dazu.«
»Was? Ich?« Sebastian findet Matthias inzwischen ganz in Ordnung. Wahrscheinlich würde er ihm sogar helfen wollen, aber doch nicht als Glück! Das kann nur schiefgehen.
Ehe er sich versieht, schiebt Günther ihn in die Mitte. Sebastian überlegt, wie er sich verhalten, was er sagen soll.
Plötzlich scheint alles ganz leicht. Ohne sein Zutun breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Ich bin hier, denkt er, für jeden frei verfügbar, immer genug. Er fühlt sich groß und kräftig.
Als Günther ihn fragt, versucht er, genau das in Worte zu fassen. »Ich bin hier«, ist jedoch das Einzige, was er herausbringt.
Nun fordert Günther Matthias auf, sich mit dem Rücken vor BMW, seinen Stellvertreter, zu stellen.
Sebastian strahlt ihn an. »Ich stehe dir zur Verfügung.« Er weiß selbst nicht, woher dieser Satz kommt, als er ihn aus-spricht.
Der Gesichtsausdruck von Matthias wird klarer, heiterer.
»Wie geht es dir jetzt?«
»Besser … Ich möchte meine Kinder sehen. Vielleicht kann ich noch mal mit der Frau vom Jugendamt reden …«
»Langsam«, unterbricht Günther ihn. »Ich empfehle dir, später in Ruhe zu überlegen, was du unternimmst. Versuche für den Moment mit deiner Aufmerksamkeit hierzubleiben. Das wirkt dann von ganz allein.«
Sebastian versteht kein Wort, aber er fühlt sich weiterhin so, als hätte er viel Gutes zu geben. Er! Dann ist an all dem doch etwas dran?!
Dicky lächelt Sebastian an. Er lächelt zurück und schaut verwirrt weg.
Matthias sieht nun lebendiger aus, hat sogar etwas Farbe bekommen. BMW steht weiterhin hinter ihm. Er hat ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. Das scheint Matthias gutzutun. Nett von BMW,gar nicht angeberisch.
»Ich bin immer da und habe mehr als genug für alle«, sagt Sebastian. Der letzte Rest Scham verschwindet, als er von mehreren angelächelt wird. Ich stehe für das Glück, staunt er.
»Jetzt ist es gut«, strahlt Matthias. »Ich sehe mein Glück und weiß, dass es nie fort war und nie fort sein wird.«
Das herzliche Lachen der anderen fließt zu einer Melodie zusammen.
»In Ordnung, dann kannst du, Matthias, nun jeden Einzelnen aus seiner Rolle entlassen. Danach setzt euch bitte.« Günther nimmt Platz.
Matthias entlässt seine Ersatzfamilie, die Arbeit und seinen Stellvertreter. Zuletzt wendet er sich Sebastian zu. »Ich danke dir sehr. Das Bild von deinen strahlenden Augen habe ich mir fest eingeprägt. Mein Glück! Aber jetzt bist du wieder …«
»Sebastian«, souffliert dieser.
»Danke, Sebastian«, sagt Matthias und berührt ihn am Arm.
Zu seiner Überraschung ist es Sebastian keineswegs unangenehm. »Hab ich echt gern gemacht«, erwidert er, und diesmal hilft er sich nicht mit einer Floskel über eine peinliche Situation hinweg. Er meint es genau so. Lächelnd kehrt er zu seinem Stuhl zurück.
Die anderen stellen Günther etliche Fragen zum Familienaufstellen.
Sebastian hört nicht zu. Er weiß, dass all seine Probleme noch da sind. Aber jetzt und hier konzentriert er sich auf das Glück – Es ist hier, für jeden frei verfügbar, immer genug.

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