Frauenalltag


Paula hat endlich Feierabend.
In der Umkleide werden die Lohnabrechnungen verteilt. 20% … 20% … hämmert es in ihrem Kopf. 20% weniger – für die gleiche Arbeit. Ihre bisherigen Bemühungen, dass Männer und Frauen gleich entlohnt werden, waren vergebens.
Um wütend zu sein, ist sie heute zu erschöpft.

Müde schiebt sie sich nun durch den Supermarkt, um noch schnell das nötigste einzukaufen. Plötzlich packt eine Hand ihre linke Pobacke. Blitzschnell dreht Paula sich herum. Sie blickt ihn die Gesichter von vier Männern. Keiner schaut sie an.
»Wer war das?«, fragt sie laut. Verwirrte Blicke, als sei sie verrückt. »Wer hat mich betatscht?«
»Das hätt’ste wohl gerne«, sagt einer mit anzüglichem Grinsen.
Ein anderer wendet sich ab und murmelt: »Frigide Schlampe.«
Ihre Chance herauszubekommen wer der Täter war, ist gleich null.
Paula will nur noch nach Hause. Schnell beendet sie ihren Einkauf.

An der Bushaltestelle warten vier Jungs mit ihr. Am Rande zur Volljährigkeit feiern sie ihr Leben mit Deutsch-Rap. Paula versucht wegzuhören, aber die Worte dringen wieder und wieder an ihr Ohr: Miststück, Schlampe, Milf … Ich fick dichbis du schreist.
Endlich kommt der Bus. Paula findet ganz vorn einen Platz und ist froh, dass die Jungs nach hinten durchgehen.

Aus dem Fenster betrachtet sie die großen Werbeplakate. Eine sehr schlanke Frau prostet ihr mit einem Abnehmshake entgegen. Ein Mädchenpo, der halb aus dem Binkihöschen herausschaut ist mit Sand bedeckt und wirbt für Reisen ans Meer. Ein Frauenmund saugt an einem Eishörnchen, als wäre es etwas ganz anderes.

Der Bus stoppt an der Haltestelle.
In die Bank hinter Paula setzen sich zwei Männer. »Meine Frau hat nach den Kindern richtige Hängetitten bekommen.«
»Dann soll sie sich die machen lassen.«
»Will sie nicht. Dabei krieg ich so keinen mehr hoch bei ihr.«
»Na, dafür hast du ja jetzt die Nina.«
»Ich sags dir, das ist ein Luder.«
Gelächter.

Da kommt Paulas Haltestelle. Endlich.
Sie erreicht ihre Wohnung.
Hier ist sie in Sicherheit – einigermaßen …

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Bist du jetzt schockiert? Das habe ich bezweckt. Denn ich war schockiert, als ich einen Artikel über eine wissenschaftliche Untersuchung las. Zu meinem Entsetzen finden die meisten Frauen die oben genannten täglichen Begebenheiten so normal, dass sie die Frage »Erleben Sie in Ihrem Alltag Sexismus?« verneinten. Erst, als in dem Fragebogen explizit nach derartigen Vorfällen gefragt wurden, haben Sie zahlreiche Angaben gemacht. Danach fiel die Antwort auf die erneut gestellte erste Frage anders aus.
Auch wenn all das inzwischen normal zu sein scheint, leiden Frauen darunter.
Interessanterweise finden Männer Sexismus auch nicht in Ordnung. Die oben genannte Untersuchung ergab jedoch, dass sie gleichzeitig denken, dass Männer, die in der Kneipe über eine Frau ablästern, niemanden verletzen, weil diese es ja nicht hört.

Wenn du eine Frau bist, wünsche ich mir, dass du mit deinem Partner, einem männlichen Freund oder Bekannten redest. Beschreibe ihm ein persönliches Erlebnis mit Sexismus.
Wenn du ein Mann bist, dann frag bitte deine Partnerin, eine Freundin oder deine Mutter, wie sie Sexismus erlebt.
Ich glaube, dass sich etwas ändern kann, wenn wir wirklich miteinander sprechen, uns austauschen …

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Die rechte Seite des Bildes ist von Alberto Fabregas, gefunden auf Pixabay, die linke habe ich entsprechend gestaltet.

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