zursonne

Zur Sonne


Ein Sommerregen geht über dem kleinen Ort in Brandenburg nieder. Im Gasthaus Zur Sonne putzt der Wirt lustlos die Gläser, während Bernd, der einziger Gast auf seinen Freund wartet.
Da betritt Arne mit tropfenden Satteltaschen das Zur Sonne. Er braucht einen Moment, bis er im Schummerlicht den Wirt erkennt, der stumm zu der Schmutzfangmatte in einer Ecke zeigt. Dort breitet Arne sein nasses Gepäck aus, holt sein Reisehandtuch hervor und trocknet sich ab. Seine gute Laune lässt er sich durch den Schauer nicht verderben. Morgen wird er auf dem Rückweg nach Kreuzberg den Baumkronenpfad in Beelitz besuchen, bevor ihn seine Familie wieder vereinnahmt.
Mit dem Tuch um die Schultern setzt er sich.

Vom Nachbartisch aus beobachtet ihn Bernd verstohlen und überlegt, was den Radfahrer in diese gottverlassene Gegend führt. Seitdem er arbeitslos ist, hat er nur noch selten Kontakt zu anderen Menschen. Mit Mitte Fünfzig ist der Zug für ihn abgefahren. »Schon weit gekommen heute?«, fragt er dann doch und vermeidet dabei absichtlich eine direkte Ansprache.
»Nicht so weit, wie ich wollte«, antwortet Arne, obwohl er bereits sechzig Kilometer durch die Havellandschaft gefahren ist. »Man wird halt nicht jünger«, setzt er hinzu und klopft mit der Hand auf das Bäuchlein, das erst in den letzten Jahren entstanden ist.
»Stimmt«, sagt Bernd missmutig und hält mit beiden Händen die Kugel in seiner Körpermitte, die die Bezeichnung Bierbauch wahrlich verdient hat.
Arne lächelt. »… aber manchmal muss ein Bier eben sein«, sagt er.
Bernd lächelt zurück.
»Was trinken wir denn?«, ruft der Wirt vom Tresen aus.
»Ein Radler, bitte«, bestellt Arne.
»Und für mich noch ein Kindl«, ruft Bernd über die Schulter.

Da öffnet jemand die Tür und bringt einen Schwall Regen mit herein.
»Zwei!«, erweitert Bernd die Bestellung. »Da bist du ja endlich«, begrüßt er den Neuankömmling.
»Du weißt doch, meine Frau …«, erklärt sein Freund, der wieder bitten und betteln musste, um wenigstens für kurze Zeit in die Sonne zu dürfen. »Aber hier«, er reicht Bernd eine Plastiktüte. »Wettschulden sind Ehrenschulden.«
Bernd schaut in die Tüte und schiebt sie dann mit angewidertem Gesicht über den Tisch zurück. »Das esse ich nicht mehr.«
»Aber Toblerone war doch immer deine Lieblingsschokolade?!«
»Da ist jetzt Halla drin.«
»Was?«
»Ja, wegen der Moslems machen die da jetzt Halla rein.«
Arne mischt sich ein: »Das ist wohl ein Missverständnis. Die Rezeptur ist unverändert.«
»Aber es steht doch überall, dass das da jetzt drin ist!«, ruft Bernd empört.
Der Freund sucht auf der Packung.
»Ne, da nicht. Wir sollen das ja nicht wissen. Erst, wenn wir völlig unterwandert sind von den Gruselmanen«, schimpft Bernd.
»Entschuldige«, versucht Arne es erneut. »Es stimmt, dass Toblerone halal produziert wird, aber das ist schon immer so. Dafür wurde nichts verändert und schon gar nichts ‘reingemischt.«
»Du siehst gar nicht aus wie ein Ölauge. Warum verteidigst du die?«, blafft Bernd Arne nun direkt an.
»Ich will niemanden verteidigen, nur Tatsachen benennen«, rechtfertigt sich Arne und wirft einen verstohlenen Blick zur Tür.
Der Freund bemerkt es und stößt Bernd in die Seite. »Achtung, der will abhauen.«
Bernd erhebt sich und baut sich vor Arne auf. »Jetzt raus mit der Sprache: Was hast du mit den Muselaffen zu tun?«
Arne schaut nach dem Wirt, der soeben ins Hinterzimmer verschwindet.
Die Situation gefällt ihm ganz und gar nicht, aber er hat schon zu oft geschwiegen, ja sogar muslimische Freunde verleugnet. Darum steht er jetzt ebenfalls auf und sagt so ruhig wie möglich: »Ich denke, dass wir alle an einen Gott glauben, der nur unterschiedlich genannt wird. Wie wir diesen Glauben leben, hat nichts mit der Religion zu tun, sondern den einzelnen Gläubigen.«
»Aber, die … die bedrohen uns«, stammelt der Freund.
»Die Kreuzfahrer meinten auch, es für alle besser zu wissen, deshalb ist doch das Christentum an sich nicht falsch und der einzelne Christ schon gar nicht.«
»Jetzt halt die Schnauze«, brüllt Bernd mit geballten Fäusten. »Warum verteidigst du diese Arschhochbeter? Die haben meine Tochter belästigt und meinen Job geklaut!«
»Das tut mir leid«, bekundet Arne sanft.
Bemitleidet zu werden ist das Letzte, was Bernd will. Er will seinen Job zurück, will keine Angst um Frau und Tochter haben müssen, will unbehelligt von fremden Einflüssen leben.
Mit einem schnaubenden Laut bricht die lange angestaute Wut aus ihm hervor. Er schlägt zu.

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