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Zarte Bande


In der Stadtbibliothek Witten fand wieder eine Lesung statt, an der ich teilnehmen durfte.
Zu dieser Geschichte hat mich das vor einiger Zeit verabschiedete Gesetz über das dritte Geschlecht bewegt.

 

Zarte Bande

Es klopft leise, beinahe zaghaft.
Marlen arbeitet schon über zehn Jahre im Standesamt. Mit der Zeit hat sie ein Gefühl dafür bekommen, bereits am Klopfen zu erkennen, was die Menschen zu ihr führt.
Die im Ausland frisch Vermählten klopfen stürmisch und erzählen von ihrer Eheschließung im Palazzo Cavalli in Venedig oder am Strand von Portugal, während sie die Ehe nachbeurkundet.
Junge Eltern zeichnen sich durch ein fröhliches Klopfen aus, auch wenn manche ziemlich müde aussehen.
Hinterbliebenen hingegen fehlt die Kraft, stark mit ihren Knöcheln gegen die Tür zu pochen.
Marlen kennt all diese Gefühle aus eigener Erfahrung, das übersprudelnde Glück nach der Hochzeit, das Entzücken angesichts des neuen Erdenbürgers – sie durfte drei Kinder anmelden – und die Trauer über den Tod eines geliebten Menschen.

Bei diesem Klopfen vermutet sie einen Sterbefall. Aufgrund ihrer Lebenserfahrung empfindet sie echtes Mitgefühl, während sie »herein« ruft.
Ein junges Paar mit einem Säugling auf dem Arm betritt ihr Büro.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragt Marlen freundlich.
Die Frau reicht dem Mann das Baby, der es wie ein Paket hält. Sie legt derweil ein Stück Papier auf den Schreibtisch.
Marlen erkennt sofort, dass es sich um eine Geburtsbescheinigung aus dem Krankenhaus handelt.
»Herzlichen Glückwunsch zu ihrem Baby.«
Die Eltern schweigen noch immer. Die Augen der Mutter sind gerötet. Ist sie so müde? Oder ist das Kleine womöglich krank?
Ratlos nimmt Marlen die Bescheinigung. Die Entbindung liegt bereits sieben Tage zurück, die Anmeldung muss also heute erfolgen. So kann sie den Eltern nicht einmal anbieten morgen wieder zu kommen, wenn es ihnen vielleicht besser geht.
»Ich brauche noch ein paar Angaben von Ihnen«, erklärt sie sanft. »Haben Sie in unserem Standesamt die Ehe geschlossen?«
Die Frau nickt.
»Gut, ihre Namen stehen ja hier. Ich suche die Eintragung im Familienbuch heraus. Von Ihnen beiden benötige ich noch den Personalausweis.«
Marlen wendet sich ihrem Computer zu. Dabei atmet sie tief ein und aus, um die Anspannung abzuschütteln, die von den Eltern geradezu auf sie überspringt.
Sie findet die Daten der Nowaks, die vor zwei Jahren geheiratet haben.
»Ich würde jetzt gern ihr Kind anlegen. Das Geburtsdatum steht hier. Für welchen Vornamen haben sie sich entschieden?«
Der Vater schüttelt den Kopf.
Die Mutter beginnt zu weinen. »Wir sollen einen neutralen Namen aussuchen.«
Langsam dämmert es Marlen. Sie dachte das vergessene Kreuzchen bei Geschlecht des Kindes sei einem Versäumnis des Krankenhauspersonals geschuldet. Es wegzulassen war Absicht, weil sich nicht eindeutig bestimmen lässt, ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen ist.
»Haben Sie schon eine Idee oder möchten Sie, das ich Ihnen helfe?«
»Keine Idee«, äußert sich nun zum ersten Mal auch Herr Nowak mit rauer Stimme.
»Einige Namen die sich für Jungen und Mädchen eignen kennt man meist, wie Conny, Dominik, Kim oder Ulli. Aber vielleicht gefällt Ihnen ein ungewöhnlicher Name besser. Ich habe hier eine Liste.«
Sie druckt eine Seite aus und reicht den Eltern das Papier, die reglos darauf starren.
»Wenn sie mögen, nehme ich das Kleine. Dann können sie sich in Ruhe beraten.«

Marlen genießt es, mal wieder ein Baby zu halten. Sie steht mit dem Kind auf dem Arm am Fenster und erzählt ihm von der Welt da draußen. Wie sie gehofft hatte, klopft niemand an die Tür. Von den Eltern hört sie leises Gemurmel.
Die Mutter räuspert sich. »Arya … Es soll Arya heißen.«
»Da bekommst du aber einen wunderschönen Namen, Arya«, sagt Marlen zu dem Kind, das sie aus großen Augen anzuschauen scheint. Sie wirft einen Blick auf den Bildschirm, auf dem noch immer die Liste zu sehen ist. »Dein Name bedeutet weiser Löwe. Du kannst bestimmt die Stärke des Löwen brauchen und die Weisheit sowieso. Es gibt so viele dumme Menschen auf der Welt.«
Zum ersten Mal huscht ein Lächeln über das Gesicht der Mutter. Sie streckt ihre Arme aus und nimmt das Kleine behutsam entgegen. »Arya …«, flüstert sie.
Marlen tippt derweil die Daten in den Computer und druckt die Geburtsurkunde sowie die Bescheinigungen für weitere Behörden aus.
»Haben Sie jemanden der Sie unterstützt?«, fragt sie dann vorsichtig.
Die Eltern schütteln im Gleichklang die Köpfe.
»Arya braucht jemanden … und Sie auch. Die Menschen fragen immer nach dem Geschlecht des Kindes, schon damit sie hellblaue oder rosa Geschenke kaufen können.« Unwillkürlich verzieht Marlen den Mund. »Sicher ist es gut, wenn Sie von Anfang an neutrale Formulierungen wählen, wie das Kind, das Kleine … In der Beratung werden Sie unterstützt, bei allem, was sonst noch auf Sie zukommt.«
»Was wohl die Nachbarn sagen werden?«, überlegt die Mutter mit zitternder Stimme.
»Die werden auch lernen müssen damit zu leben«, antwortet Marlen leise. »Sie haben so ein wundervolles Baby. Es verdient es, glücklich zu sein.«
»Nun ja … immerhin sind wir jetzt schon einem Menschen begegnet, der Arya nicht nur als Sensation betrachtet«, bemerkt der Vater hoffnungsvoll und streicht seinem Kind über das Köpfchen.

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