Stern

Sonne, Mond und der erste Stern 1



Sonne, Mond und der erste Stern

Carolin seufzt – seufzt aus ihrem tiefsten Innern, lässt alle Anspannung los und sinkt auf Davids Brust. Dort verharrt sie, genießt seine Hände, die jetzt ihren Rücken streicheln.
Die Neonreklame vor dem Fenster blinkt. Sie taucht das Zimmer abwechselnd in hellblaues und orangenes Licht. Ohne eine weitere Beleuchtung wirkt die Einrichtung gemütlich, ist die Abnutzung durch die zahllosen Gäste nicht zu erkennen.

David fährt mit der Fingerspitze langsam die Linien auf Carolins Schulter entlang. Er folgt behutsam jeder Kontur, jedem Bogen, beinahe, als würde er sie ertasten.
„Mir sind vorhin schon ein paar aufgefallen. Wie viele Tattoos hast du?“
„Ich weiß nicht, aber das war mein Erstes.“

Das stimmt nur bedingt. Es war das Erste in einem Studio gestochene. Das Allererste hatte sie mit ihrer Freundin selbst gemacht. Mit dreizehn ritzten sie sich eine Doppelkirsche eigenhändig in die Haut am Knöchel und färbten die Wunden mit Tinte aus dem Schulfüller. Sie war die rechte und Maria die linke Kirsche.
Aber das war lange her und Maria längst tot. Die Kirschen hatte Carolin Jahre später covern lassen.

Davids Fingerkuppe hat die Sonne mit allen Strahlen und Mustern nachgezeichnet. Nun beginnt er den daran angeschmiegten Mond zu erkunden.
„Was war der Anlass?“
„Stellst du hinterher immer so viele Fragen?“
„Nur wenn mich die Frau interessiert. Erzähl schon.“
„Ich war sechzehn und hatte die Unterschrift meiner Mutter gefälscht. Das Motiv fand ich einfach schön.“

Der zweite Teil ist gelogen. Für einfach schön hätte sie sich nicht in solche Schwierigkeiten gebracht. Nach den Kirschen hatte es ein Riesen-Theater gegeben. Sie wusste, diesmal würde es schlimmer kommen.
Aber der Mond bedeutete ihr damals alles. Im Schutz der Dunkelheit konnte sie hinausschleichen. Sein Licht half ihr den Weg zu finden.
Sie fühlte sich frei bei diesen Ausflügen, unbeobachtet von all den Spießern.
Die Leute redeten allerdings nicht nur über sie. Eine Öko-WG war etwas außerhalb der Kleinstadt entstanden. Nächtelang beobachtete Carolin die Bewohner – bis sie entdeckt wurde.

Zu ihrem Erstaunen wurde sie nicht fortgejagt, sondern durfte bleiben und wiederkommen. Zusammen machten sie Musik, diskutierten, kochten, spielten …
Die Sonne zog in Carolins Leben ein. Zum ersten Mal hoffte sie.

Allerdings hatte sie die Rechnung ohne die Kleingeister gemacht. Ihren Freunden wurde nach wenigen Monaten der Pachtvertrag gekündigt.
Um nicht zu vergessen, dass es die Sonne wirklich gab, brauchte sie die Tätowierung. Der schreckliche Schmerz über den Verlust wandelte sich in einen produktiven, beinahe guten Schmerz für das Bild auf ihrer Haut.

„Haben deine Eltern es nicht bemerkt?“
Ganz nah streckt sich Carolin neben David aus, legt ihren Kopf an seine Schulter, ihre Hand auf seinen Bauch. Sie spürt seine Muskeln, riecht seinen Duft, kostet die Nähe zu seinem Körper ganz und gar aus.
Den Wechsel des orange-blauen Lichtes hat sie nun im Rücken, wähnt sich selbst im Schatten. Während der helleren Phase betrachtet sie seine makellose, ungeschmückte Haut.
„Nach sechs Monaten. Ich hatte immer genau darauf geachtet keine ärmellosen Shirts zu tragen. Dann wurde ich krank. Meine Mutter wollte mir helfen die besudelten Klamotten zu wechseln. Dabei hat sie es entdeckt. Ich bekam vier Wochen Hausarrest. Währenddessen hat sie nicht mit mir gesprochen.“
„Aber doch wenigstens dein Vater?“
„Der ist abgehauen, als ich sieben war.“
„Geschwister?“
„Ein jüngerer Bruder. Er und unsere Mutter haben gelacht und gescherzt, bis ich ins Zimmer kam. Dann wurde es totenstill und sie sind zusammen raus gegangen.“

Carolin erstarrt innerlich. Sie weiß selbst nicht, warum sie so viel von sich preisgibt. Aber was kann es schaden, wenn dieser Fremde das von ihr weiß.
Ganz sanft drückt David ihr einen Kuss auf die Stirn. „Da habe ich mit meinem wohl mehr Glück.“
„Erzähl mir von ihm.“
„Hmm … Carsten ist zwei Jahre älter als ich. Irgendwie war er immer mein Beschützer. Noch heute habe ich das Gefühl, dass er auf mich achtet, obwohl er inzwischen am anderen Ende des Landes lebt. Wir telefonieren oft.“

Seine Stimme klingt warm. Carolin überlegt, was sie fragen kann, damit er weiterspricht. Da beginnt er von sich aus:
„In der Nähe unserer Siedlung war ein Tümpel. Wir durften dort nicht spielen, taten es aber trotzdem – oder gerade deshalb?! In einem Frühjahr, ich war vielleicht sechs, bin ich reingefallen. Carsten hat mich mit einem Stock raus gezogen und mir sein Shirt gegeben, damit ich nicht nackt dastehe. Meine Sachen haben wir in der Sonne getrocknet. Unsere Eltern wissen bis heute nichts davon.“
„Das ist schön“, murmelt Carolin schläfrig.

Als sie am Morgen erwacht ist sie allein. Enttäuscht schaut sie sich um.
Auf Davids Platz im Bett liegt ein Zettel.
Ich will mehr von dir, von deinem Körper, deinen Tattoos und den Geschichten dazu.
0189-523 76 78


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