peacefood

Peacefood


„Kannst du bitte die Speisekarten sauber machen, Leonie? Ich muss kurz weg, bin aber zurück, bevor der große Ansturm losgeht.“
Leonie sieht ihrer Chefin nach. Sie seufzt und macht sich daran über die laminierten Seiten zu wischen. Als Hotelfachfrau ist sie überqualifiziert für diesen Job, aber nach neun Monaten Arbeitslosigkeit war sie froh, überhaupt einen gefunden zu haben. Endlich würde sie den Zwillingen mal wieder etwas besonderes kaufen können.
Bei der zweiten Karte richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf den Text. Bistro mit & ohne steht in geschwungenen Buchstaben oben auf jeder Seite. Hinter den einzelnen Speisen sind Symbole für vegetarisch, vegan, laktose- und glutenfrei. Davon hatte Leonie in ihrer Ausbildung nichts gelernt, aber vor zwanzig Jahren war das auch noch kein Thema. Jetzt versucht sie sich einzuprägen, welches Gericht es in welcher Variante gibt, um nicht bei den Gästen nachschauen zu müssen.

Da öffnet sich die Tür und eine etwa vierzigjährige, hagere Frau kommt herein. Auf ihrer Kleidung prangt das Logo eines angesagten Ökolabels, dessen Namen sich Leonie nicht merken kann.
Nachdem die Frau Platz genommen hat, tritt Leonie an ihren Tisch. „Guten Tag.“ Sie reicht ihr die Karte. „Darf ich Ihnen schon etwas zu trinken bringen?“
„Haben Sie auch Peace Food?“, fragt die Frau, ohne die Karte überhaupt entgegen zu nehmen.
Leonie hat keine Ahnung, was Friedensessen sein könnte. „Ich werde mich in der Küche für Sie erkundigen“, stottert sie.

Betrübt kehrt Leonie einen Moment später zurück.
„Es tut mir leid, auch der Koch kennt Peace Food nicht. Bitte erklären Sie mir , worum es sich handelt? Vielleicht können wir etwas Entsprechendes für Sie zubereiten.“
„Aber auf Ihrer Homepage steht, dass jeder, der sich Gedanken macht, um das was er isst, hier richtig sei“, sagt die Frau während sie ihre Hände knetet.
„Ja, das stimmt.“
„Hier habe ich eine Anleitung.“ Umständlich zieht sie ein Buch aus ihrer Handtasche. „Danach koche ich sonst selbst. Aber heute wollte ich mal eine Pause…“

„Ich hab‘ was im Internet gefunden“, platz der Koch, mit dem Smartphone in der Hand, in den Gastraum. Seine, unter dem Bandana hervorquellenden, Dreadlocks wippen. „Da steht, Peacefood geht auf einen bekannten Arzt zurück und bedeutet, vegan und ökologisch.“
„Das geht aber nicht weit genug! Durch das Essen soll der Körper auch mit Stoffen wie Serotonin, Dopamin und Gaba versorgt werden.“
„Ach du Scheiße!“ Der Koch fährt sich mit der Hand vor den Mund.
Der Frau treten Tränen in die Augen. „Ja, es ist wirklich umständlich“, seufzt sie. „Im Büro halten mich auch schon alle für verrückt. Aber ich will doch gesund bleiben.“
Leonie formt mit den Lippen ein stummes Danke Richtung Koch. Aber er zieht sich nicht wie gehofft zurück, sondern starrt weiter auf sein Display.
Trotzdem setzt sie sich an den Tisch und reicht der Frau eine Serviette um die Tränen zu trocknen. „Gesund bleiben? Das heißt, Sie sind gesund?“
„Ja, aber wie lange noch, wenn ich in dieser Umwelt lebe? Meine Mutter ist an Krebs gestorben, als sie in meinem Alter war.“
„Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass unser Essen das verhindert, aber …“
„Hier steht noch, es muss ganz frisch sein“, unterbricht sie der Koch. „Also die Kohlrabi wurden heute morgen vom Biohof geliefert. Mögen Sie Kohlrabi?“
Die Frau nickt.
„Das ist eine tolle Idee. Orangen-Kohlrabi-Carpaccio oder Kohlrabigemüse mit Räuchertofu oder lieber Kohlrabischnitzel?“ Leonie weist auf die Kreidetafel mit den Tagesgerichten.
„Capaccio klingt gut.“
Der Koch grinst. „Dann mach ich das jetzt für Sie und spiele dabei Musik die glücklich macht.“
Die Frau schaut dem Koch verwirrt nach.

Leonie widmet sich wieder ihrer Arbeit.
Weitere Menschen betreten das Bistro. Auch die Chefin ist zurück. Zusammen verteilen sie Speisekarten und nehmen die Wünsche der Gäste entgegen.
Immer wieder ist Leonie auch in der Küche und gibt die Bestellungen weiter. Der Koch wirbelt samt Helfer durch den Raum. Dabei läuft mehrmals ein Lied in dem es darum geht, dass jeder vollkommen sei. Der Koch singt mit. Leonie grinst.
Die Chefin nimmt die ersten fertigen Speisen entgegen und bringt sie zu den Tischen.
Der Teller, der Leonie gereicht wird sieht anders aus. Die hauchdünnen Kohlrabi- und Orangenscheiben sind abwechselnd zu einem Kreis angeordnet, den weitere Scheiben in vier Teile teilen. Dazwischen stecken ein paar Gänseblümchen, die eigentlich zu einem ganz anderen Gericht gehören.

Als Leonie den Teller vor die Frau stellt, achtet sie darauf, dass das Peace-Zeichen aus ihrer Perspektive zu erkennen ist.
Die Frau starrt auf das Arangement und beginnt zu lachen. Sie lacht und lacht, bis sie kaum noch Luft bekommt.
Die anderen Gäste schauen sie verwundert an.
Der Koch kommt aus der Küche gelaufen. „Sie sehen schon viel besser aus“, kommentiert er und stimmt in ihr Lachen ein.

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*Diese Geschichte entstand, weil auch ich es manchmal übertreibe und den Sinn einer Sache aus dem Blick verleire, weil ich so damit beschäftigt bin die dazugehörigen Regeln zu befolgen. Auch und gerade beim Essen.
Dann finde ich jedoch wieder zum Genuss zurück und finde essen einfach wundervoll – mit den Regeln für die ich mich entschieden habe.

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