Ostern

Ostara 1


Ungeduldig spannt Alvar seine Muskeln an. Er spürt geradezu körperlich, wie der Blick seines Vaters mahnend auf ihm ruht. Mit tiefen Atemzügen bemüht er sich, Ruhe zu bewahren.
Seine Schwester Anea spielt mit den drei Kleinen, während die beiden Männer weiter herumschnüffeln. Einer lächelt den Mädchen zu, die ihre Puppe zu Bett bringen und ihr ein Wiegenlied singen.
Auf den heutigen Tag hatte sich Alvar monatelang gefreut – für ihn sollte es ein dreifacher Feiertag werden.
Dann wurden weitere Verbote ausgesprochen. Also hatte er mit der ganzen Familie stumpfsinnig in dem Haus mit dem Turm gesessen. Dort blieb ihm nichts, als auf das Sandsteinrelief zu starren, während dieser Mann in der fremden Sprache zu ihnen predigte. Es klang dumpf und freudlos.
Ein unwillkürliches Schütteln überfällt Alvar, als ihm bewusst wird, wie sehr sein Hirn bereits von den Worten ihres neuen Herrn durchsetzt ist. Messe, Kirche, Priester … Er unterdrückt ein Würgen.
Die als Besuch getarnte Schnüffelei ist beendet, die Männer verlassen die Hütte.
Gunnar atmet auf und zieht seine schwangere Frau Merle in die Arme.
Unauffällig beobachtet Alvar sie, begierig darauf zu wissen, wie Männer und Frauen miteinander umgehen.
Sein neues Geschwisterchen wird einen fremden Namen tragen müssen und ebenso wie sie alle unter Wasser getaucht werden, so will es der neue Herr.
Eine Berührung am Arm erinnert ihn daran, was nun zu tun ist.

Eine Stunde später dämmert es. Gemeinsam schleichen sie los, zum Waldrand hinüber.
Den Kirchenleuten zu begegnen ist jetzt unwahrscheinlich. In der Dunkelheit lauert ihr Teufel auf sie.
Alvars Blick gleitet über das ihnen verbliebene Land. Alle Familien der Siedlung besitzen nur noch kleine Ackerflächen, die sie bestellen dürfen. Der Rest gehört dem Herren. Dabei geht es den Leuten hier besser, als in einigen anderen Dörfern, in denen es kaum zum Überleben reicht.
Vor und hinter Alvar huschen weitere Menschen lautlos voran.
In aller Eile hatten sie in der vergangenen Stunde ihre Vorbereitungen getroffen: Versteckte Eier wieder ausgegraben und gefärbt, Brot und Käse zusammengepackt, Decken und bunte Stoffstreifen zu einem Bündel geschnürt.
Nun wird Alvar doch noch zu einem Fest kommen. Heute ist sein vierzehnter Geburtstag, somit ist er nun ein Mann. Erstmals fühlt er sich, wie es ihm die Bedeutung seines Namens schon immer prophezeit hat, als Naturgeist und Krieger.
Schatten, die sich kaum vom Waldsaum abheben geben winkend Zeichen.
Endlich erreichen sie die vorbereitete Senke. Traditionell, findet das Ritual auf einem Hügel statt, damit die Strahlen des Feuers über die Felder scheinen.
Alvars Aufgabe wäre es gewesen, gemeinsam mit Kjell, der letzte Woche seinen vierzehnten Geburtstag feierte, ein aus Zweigen und Stroh gebundenes Rad brennend den Hang herabrollen zu lassen. Je weiter es rollt, umso fruchtbarer würde das Jahr.
Darauf müssen sie verzichten, um nicht doch entdeckt zu werden.
Trotzdem sitzen sie zusammen in dieser Nacht, die ebenso lang ist wie der Tag. Unter ihnen liegen Decken ausgebreitet, bunten Bänder tanzen im Wind an Birkenzweigen. Jede Familie hat etwas mitgebracht. Nun teilen sich alle das Festmahl.
Der Winter ist wieder einmal besiegt, die Göttin des Lichts schickt ihre wärmenden Strahlen über das Land, gibt ihre Kraft an die Saat, für eine reiche Ernte. Die Leute berichten von Hasen und Zugvögeln, die sie heute sahen – gute Omen.
Alvar unterhält das kleine Feuer, das sie nicht in Gefahr bringen kann. Im Morgengrauen wird er mit Kjell die Asche auf den Feldern verteilen, um den Segen der Göttin auf diese Weise zu erwirken. Aber bis dahin ist noch Zeit.
Jetzt wird gelacht und gescherzt.
Vorsichtig wirft Alvar einen Blick zu Hedda. Diese schaut schnell fort. Das dritte Mal schon.
Mit klopfendem Herz geht er langsam zu ihr hinüber und reicht ihr ein leuchtend rotes Ei.
Lächelnd nimmt sie es entgegen, drückt es kurz an ihre Brust.
Stotternd bedankt sich Alvar.
Dann kehrt an seinen Platz zurück. Ins Feuer starrend malt er sich seine Zukunft mit Hedda aus, ein freies Leben mit dem Segen der Götter.


 

Ich wünsche Dir ein frohes Osterfest.
Übrigens, die Eier auf dem Foto hat uns vor einem Jahr ein Schäfer geschenkt, dem wir bei einem Spaziergang begegneten.

 

 


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