winkel

Orangener Winkel


Zufrieden betrachtet Emma ihr Spiegelbild. Die langärmelige Bluse schmeichelt ihrer Figur.
Dann fällt ihr Blick auf das Foto der Klasse, die sie zuletzt unterrichtet hat. Sie seufzt. Das Berufsverbot macht ihr noch immer am meisten zu schaffen, zumal die stupide Arbeit am Fließband, die sie jetzt ausüben muss, ihr ein Gräuel ist.
Aber heute hat sie frei. Sie hängt den Wintermantel in den Schrank und holt die Übergangsjacke heraus. Widerwillig heftet sie den orangefarbenen Winkel an, den zu tragen sie verpflichtet ist. Er prangt wie ein Schandfleck auf der hellen Jacke, trotz seiner dreieckigen Form.
Draußen begrüßen Emma zarte Frühlingssonnenstrahlen. Einen Moment hält sie inne und ihr Gesicht ins Licht.
Beim Weitergehen kommt ihr Uta entgegen, erblickt sie und wechselt die Straßenseite, wie sie es immer tut. Längst vergessen ist die Zeit, in der sie beste Freundinnen waren.
Auch andere Passanten weichen aus. Trotzdem Emma keinen von ihnen kennt, wird sie erkannt, zeigt der Winkel doch, was für ein Mensch sie ist.
An der Tür der Bäckerei ist aufgelistet wer nicht hinein darf. Winkel in blau, grün, rot, gelb und eben orange sind abgebildet, ergänzt von den doppelten Winkeln, die einen Stern bilden. Beinahe wie eine hübsche Dekoration wirken die Symbole.
Emma umrundet den Häuserblock und klopft an die Hintertür. Eine Frau reicht ihr ein Brot heraus. Schon beim zupacken spürt Emma, dass es mindestens zwei Tage alt ist. Sie muss den vollen Preis zahlen. Immerhin verkauft ihr der Laden überhaupt etwas.
Auf dem Rückweg geht sie eine andere Strecke, kommt am Kino und am Kaufhaus vorbei. Wie lange ist es her, dass sie an solchen einem Ort war? Emma seufzt.
Rasch denkt sie an heute Abend. Da wird Klara sie besuchen, die auch orange gekennzeichnet ist. Sie werden nahe beieinander hocken, für den Fall, dass sie abgehört werden und leise flüsternd ihre kleinen Geheimnisse austauschen.
Jäh wird Emma aus ihren Gedanken gerissen, als ein Polizist ihr in den Weg tritt. Ohne sie eines Wortes oder Blickes zu würdigen scannt er ihren Winkelanstecker. »Emma Holz – asoziale Impfverweigerin. Ich beobachte dich!« droht er.

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Es gibt gute Gründe sich impfen zu lassen und ebenso gute es nicht zu tun. Ich achte die persönliche Entscheidung jedes Menschen.
Allerdings habe ich etwas dagegen, dass Menschen stigmatisiert werden – warum auch immer.

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