Nur ein Stück Stoff


Den Einkaufswagen vor sich herschiebend, rennt Sina durch den Supermarkt.
Schnell noch ein paar Äpfel, dann weiter zum Klopapier.
Sina keucht. Ihr wird übel. Möglichst unauffällig stellt sie sich in eine Ecke und reißt die Maske vom Gesicht.
Sie würgt … würgt abermals … würgt an dem Gefühl der nikotingetränkten Hand die ihr Mund und Nase zuhält … an dem Gewicht des Mannes, das sie zu Boden drückt, trotz aller Gegenwehr … an ihrem Ekel, während er unaufhörlich in sie hineinstieß – bis sie endlich ohnmächtig wurde.

Sina versucht sich an die Übungen zu erinnern, die die Psychologin ihr beigebracht hat, solange sie noch zu ihr durfte. Einatmen: eins, zwei, drei – ausatmen: eins, zwei, drei, vier, fünf – einatmen: …
Ob Frau Richter die hohe Strafe abwenden konnte, zu der sie verdonnert wurde, weil sie Sina als Patientin ohne Maske empfangen hatte? Sina weiß es nicht, hofft es aber sehr. Ausatmen: eins, zwei, drei, vier, fünf …
Der Würgereflex lässt nach. Das Gefühl des fremden Körpers auf ihrer Haut bleibt. Sina schüttelt sich. Doch das lässt sich nicht abschütteln.
Gleich wird es gehen. Gleich kann sie den Einkauf beenden und nach Hause gehen, wo sie frei atmen darf, – allein, aber in Sicherheit.

»Setzen Sie sofort die Maske auf oder ich rufe die Polizei!«, schreit eine Mitarbeiterin des Supermarktes aus fünf Metern Entfernung. Sina erkennt Marlen, mit der sie früher befreundet war.
Marlen kennt ihre Geschichte, weiß, was ihr widerfahren ist.
Wortlos zieht Sina die Maske über Mund und Nase. In Zeiten wie diesen gibt es keine Gnade.

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Eigentlich enden meine Texte positiv, mit wenigstens einem Funken Hoffnung. Eigentlich … Im Moment fällt es mir bei einigen Sachen schwer positiv zu bleiben.
Aber vielleicht ist hier das Positive, dass ich dich mit diesem Text erreiche, dass du verstehst, wie es sich für manche Menschen anfühlt zum Masketragen gezwungen zu werden. Ich hoffe es sehr und wünsche dir alles Gute.

Danke an Marek Studzinski für das Bild auf Pixabay.

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