Luna


Ein fröhlicher Singsang klingt an mein Ohr, während ich im Teich schwimme. Verstehen kann ich die Worte der Frauen nicht.
Mein Körper gleitet schwerelos dahin, getragen vom Wasser aus dem alles Leben entspringt.
Eine blauschlillernde Libelle fliegt herbei, stoppt vor meinem Gesicht und fliegt weiter. Noch im Frühjahr lebte sie in diesem Teich, bis sie ihre Hülle abstreifte und seither ihren neuen Lebensraum erkundet.

»Adijyoti!«, werde ich gerufen.
Ich schwimme zum Rand, verlasse das Wasser und trockne mich ab. Einen Moment stehe ich nackt in der Sonne, die den Zenit bereits überschritten hat. Karasi und Virginia kommen zu mir. »Geht es dir gut?« »Bist du bereit?«
Ich nicke.
Sie streifen mir ein feuerrotes Kleid über und schmücken mein Haar mit Blumen.
Dann gehen wir zusammen zum Festplatz auf der Wiese. Ich spüre die Erde unter meinen bloßen Füßen. Mein Herz klopft im Einklang mit jedem Schritt.
Etwa zwanzig Frauen in weißen Kleidern sind anwesend. Sie bilden eine Gasse – vorn die jungen, bis zu den ältesten am Ende.

Kurz davor liegt quer über den Weg eine Grenze aus dünnen Zweigen. Dorthin bringen sie mich. Leichtfüßig überwinde ich die Barriere. »Ich bin«, sage ich laut. Freudige Rufe und Gelächter sind die Antwort.

Dann trete ich zwischen Liv und Frida, die vor kurzem ihre erste Mondzeit erlebt haben. Ich erinnere mich an den Tag meiner ersten Blutung, an meine Ahnungslosigkeit und meine Ängste.
»Ich entsinne mich genau, wie aufregend, aber auch peinlich es mir war zur Frau zu werden«, sage ich und gehe einen weiteren Schritt.

Nun stehe ich zwischen Airam und Ila. Sie sind so jung und schön. Ich denke an meine Jugend und meine ersten sexuellen Erfahrungen, an den Schmerz und die Frustration, aber auch an die Erregung und das Staunen angesichts meines eigenen zusammen mit einem fremden Körpers.
»Ich bin eine sinnliche Frau«, sage ich schlicht.

Ein weiterer Schritt. Lila und Malita stehen vor der Entscheidung erst eine Kariere zu verfolgen oder schon bald ein Baby im Arm zu halten, das mal selig lächelt, mal untröstlich schreit.
Ohne darüber nachzudenken lege ich die Hände auf meinen Bauch, der mit Dehnungsstreifen geziert ist. »Aus meinem Körper sind drei Leben hervorgegangen.«

Jetzt gelange ich zu Karasi, die entschieden hat keine Kinder zu bekommen und Gita, deren Kinder erwachsen sind wie meine. Ich bin sogar schon Großmutter. Uns eint, dass die Familienzeit vorbei ist. Wir widmen uns anderen, neuen Projekten.
»Ich habe gelernt meinen Körper zu bewohnen, mich körperlich und emotional berühren zu lassen ebenso wie Grenzen zu setzen.«

Ich erreiche die letzten beiden. Üblicherweise gehören Frauen in unserem Alter nicht mehr dazu, werden übersehen und belächelt. Ich bin glücklich hier zu sein.
»Nun bitte ich darum im Kreis der weisen Frauen aufgenommen zu werden.«
Virginia nimmt meine rechte und Dami meine linke Hand. Gemeinsam mit mir machen sie einen Schritt nach vorn. Dort liegt eine Decke im Gras als Altar. Blumen, Schalen und eine Figur nach Art der Venus vom Hohlefels liegen darauf. Wir drehen uns zu den Frauen, an denen ich eben vorbei gegangen bin.

Dami nimmt ein paar Beeren aus einer Schale und schiebt sie mir in den Mund. »Mögest du weiterhin die Süße des Lebens schmecken. Virginia greift nach der Farbe und malt mir einen Mond auf die Stirn. »Möge deine Spiritualität sich weiter entwickeln.«
Dann rufen alle Frauen: »Mögest du weiterhin unser aller Leben bereichern.«

Ich spüre, wie ich von innen heraus strahle und lächle ihnen zu.
Die Frauen beginnen zu jubeln. Ich werde beglückwünscht und umarmt.
Wir feiern und tanzen bis der Vollmond hoch am Himmel steht.

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Leider gibt es in unserer Kultur kaum Übergangsrituale. So wird auch kein Fest für die erste Menstruation gefeiert, geschweige denn für die letzte.
Als ich jung war, kam ich nicht auf die Idee das zu vermissen, jetzt jedoch fehlt mir etwas. Darum habe ich das Ritual in meiner Fantasie stattfinden lassen.
Vielleicht magst du es (abgeändert) für dich nutzen und/oder anderen Frauen davon erzählen.

Bitte vergiss nie: Du bist wundervoll – unabhängig von deinem Alter.

Das Foto der Statue ist von Waldkunst, die Monde von adriannesquick. Beide habe ich bei pixabay.com gefunden.

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