Träume

Geflüsterte Träume


Diese Geschichte habe ich bei einem Wettbewerb eingereicht, weil mir die Idee kleiner Wesen, die um mich als Autorin herumwuseln gefallen hat. Gewonnen habe ich nicht, aber ich hatte Spaß beim Schreiben.

Geflüsterte Träume

Ich erwache hungrig aus traumlosem Schlaf.
Leise schleiche ich mich hinaus, um die Kleinen nicht zu wecken. Ich will versuchen vor ihnen zu essen. Wir haben einen so unterschiedlichen Geschmack. Ich mag es würzig und knackig – sie weich und süß.
Als ich ein Kind war, ging es mir ebenso wie ihnen. Bald werde ich nicht mehr da sein, dann ändert sich der Geschmackssinn des ältesten Kleinen.

Geschafft. Ich konnte unser Nest unbemerkt verlassen. Jetzt nähere ich mich vorsichtig der Futterstelle.
Die Wirtin rauft sich die Haare, während sie auf einen leuchtenden Kasten starrt. Dann legt sie ihre Hände auf ein schwarzes Rechteck mit vielen Feldern. Lustlos drückt sie langsam mal die eine, mal die andere Stelle.
Soll ich mir die Zeit nehmen noch ein wenig nachzuwürzen?
Ich wage es und springe mit allen fünf Beinen auf den schwarzen Feldern herum. Sofort nimmt die Wirtin ihre Finger zur Seite und wedelt damit umher. Ich rieche mein Futter, kann nicht mehr widerstehen. Gierig sauge ich die Ladung aus der Luft um die Wirtin. Ich schmecke herben Frust, samtene Müdigkeit und rauchige Ratlosigkeit.
Oh, wie lecker!
Ich lege eine Pause ein, um noch einmal den Geschmack zu verschärfen. Mit aller Kraft schiebe ich ein Papier zur Seite, sodass es hinab fällt. Die Wirtin taucht kurz ab. Bei ihrem Wiederauftauchen labe ich mich an knusprigen Aggressionen.
Endlich bin ich satt.

Der Wirtin läuft jetzt ein wenig Wasser aus den Augen. Bittere Verzweiflung mag nicht einmal ich.
Womöglich habe ich es übertrieben?!
Gut, dass die Jüngeren sowieso noch hungrig sind. Ich hole sie aus dem Nest. Den Kleinsten muss ich tragen, er ist erst vor ein paar Tagen bei uns erschienen. Niemand weiß woher wir kommen und wohin wir gehen.

Kaum sind wir bei der Wirtin, krabbeln die Jüngeren auf ihre Schultern. Sie flüstern ihre Träume in deren Ohr. Den Kleinsten reiche ich zu ihnen hoch, damit auch er flüstern kann; seine Träume sind die buntesten.
Die Wirtin richtet sich auf. Ihre Finger beginnen auf den schwarzen Feldern zu tanzen. Sie lächelt. Daraufhin wird die energetische Ladung um sie süß. Die Kleinen bekommen ihr bevorzugtes Futter. Sie schmatzen und schlürfen. In kurzen Pausen flüstern sie abwechselnd in das Ohr der Wirtin, um dann erneut zu essen. Das wiederholt sich wieder und wieder, bis sie alle satt und zufrieden sind.
Die Finger der Wirtin wirbeln währenddessen ununterbrochen auf den Feldern herum.
Ich kenne nur wenige Bezeichnungen. Auch, dass die Wirtin „Wirtin“ heißt, hat mir irgendwann ein Älterer gesagt, der mich zu ihr trug.

Ich weiß, dass ich die würzige Ladung mag und sorge dafür, dass sie entsteht. Erst nachdem sie hervorgerufen wurde, kann die Wirtin mit Hilfe der geflüsterten Träume die süße Energie herstellen.
Ich glaube, wir sind wichtig. Durch uns wird etwas Neues geschaffen, dass es sonst nicht gäbe. Darüber habe ich schon nachgedacht, als ich noch sehr jung war. Der Älteste hat mich damals gemahnt, ich solle nicht solch einen Quatsch reden. Also habe ich nur noch für mich allein überlegt.
Aber nun bin ich der Älteste. Ich könnte mit den Jüngeren darüber sprechen …
Das werde ich gleich tun. Mir hat der Gedanke für irgendetwas wichtig zu sein immer gut getan – selbst wenn ich nicht begreifen kann wofür.

Bevor ich die Kleinen zurück zum Nest bringe, genehmige ich mir einen winzigen süßen Nachtisch und erinnere mich an meine Kindheit.

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