frauenzeit

Frauenzeit


Auch in diesem Fall waren es wieder die Nachrichten über eine Gesetzesänderung, die mich zu dieser Geschichte veranlasst haben.

 

Frauenzeit

»So, als Erstes werden wir es dir mit deinem ausgepolsterten Popo auf dem Sofa gemütlich machen«, sagt Julia zu ihrer Tochter, während sie die Wohnungstür aufschließt.
Amelie lächelt, mit tränenfeuchten Augen.
Im Wohnzimmer bleibt sie gekrümmt stehen. Es brennen Kerzen, aus den Lautsprechern tönt It’s All Over Now, Baby Blue
»Ist Oma hier?«, fragt Amelie erstaunt. »Weiß sie es etwa?«
Maria kommt mit einem Tablett in den Händen aus der Küche. »Ja, ich bin auch hier. Es gibt Zeiten, die Frauen am besten gemeinsam bewältigen.« Sie stellt die Teekanne mit drei Bechern auf den Tisch.
»Oma, bitte sag, dass du nicht etwas völlig Verrücktes vorhast … womöglich meine blutgetränkten Binden unter einem Baum vergraben bei Indianergesängen.« Sie grinst, wobei ihr erneut Tränen über die Wangen laufen.
»Nein, mein Engel. Jetzt setz dich. Ich habe dir schon eine Decke zurechtgelegt.« Sie wendet sich an ihre Tochter: »Wie war die Fahrt?«
»Ganz OK, aber nervig. Zwei Stunden, nur weil kein Arzt in der Nähe den Eingriff beherrscht … Das macht mich wütend.«
»… und es hat noch länger gedauert, weil Mama einmal rechts ‘ranfahren musste. Sie konnte nicht mehr aufhören zu lachen«, ergänzt Amelie.
»Lachen und weinen liegen nun mal nah beieinander«, entschuldigt sich Julia.
»Jetzt setz dich mit aufs Sofa«, scheucht Maria ihre Tochter vor sich her. »Darfst du eine Wärmflasche haben, Kleines?«
»Ja, der Arzt hat gesagt, Wärme oder Kälte – was mir guttut«, antwortet Amelie.
Maria macht sich am CD-Player zu schaffen. »Die ist für dich, mein Engel. Du hast so von dem Film geschwärmt …«
Als Shallow erklingt, ruft Amelie begeistert: »Oh, danke. Kannst du es bitte laut machen?«
Nachdem der Song verklungen ist, sitzen die drei Frauen mit ihrem Teebecher in der Hand zusammen. Julia macht die Musik mit der Fernbedienung leiser.
»Wo ist eigentlich Ben?«
»Deinen Bruder habe ich bei seinem Freund einquartiert. Wie gesagt: Frauenzeit.«
»Aber ihr wisst doch gar nicht, wie es mir geht«, murmelt Amelie und hält sich den Unterbauch.
»Wie geht es dir denn?«, fragt ihre Mutter sanft.
»Durcheinander … Natürlich wollte ich jetzt noch kein Kind, aber … alles was möglich gewesen wäre und nun nie sein wird, macht mich traurig.«
»So ging es mir damals auch …«, sagt Julia.
»Was, du auch? Das wusste ich gar nicht.«
»Ich habe bemerkt, dass ich schwanger bin, kurz nachdem uns euer Vater verlassen hat. Wie du, habe ich nächtelang gegrübelt. Ihr wart noch klein und ich total überfordert. Darum habe ich mich gegen dieses Kind entschieden. Sonst hättest du jetzt eine elfjährige Schwester.«
»Ich habe nichts davon mitbekommen. Dabei war ich schon fünf.«
»Du warst traurig, weil dein Papa weg war. Außerdem hast du dich viel um deinen kleinen Bruder gekümmert. Vielleicht weißt du noch, dass ihr drei Tage bei Oma gewesen seid? Derweil war ich im Krankenhaus, weil der Eingriff damals noch unter Kurznarkose vorgenommen wurde.«
»Nein, ich erinnere mich nicht.«
Maria setzt ihren Becher ab und ruft mit gespielter Entrüstung: »Was? Dabei habe ich so tolle Sachen mit euch gemacht. Da musst du dich doch erinnern!«
Sie lachen, dann schaut Amelie ihre Oma forschend an. »Du auch?«
»Ja«, antwortet Maria und seufzt. »Die Umstände waren denkbar ungünstig. Im Sommer 1974 hatte sich die Regierung auf die Fristenlösung geeinigt. Aufgrund einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wurde das Gesetz im nächsten Frühjahr gekippt. Es drohten wieder drei Jahre Gefängnis.« Maria gießt sich Tee nach und fährt fort: »Ich habe genau zu diesem Zeitpunkt vermutet, dass ich schwanger bin. Den Test musste ich noch in einer Apotheke durchführen lassen. Dafür bin ich extra weit gefahren, denn ich war erst achtzehn und unverheiratet. In der Schule kreisten immer wieder Adressen von Engelmachern. Ich hatte Glück, die Frau, bei der ich landete, hat gut gearbeitet und drei Jahre später hielt ich unser Wunschkind im Arm.« Maria schaut ihrer Tochter liebevoll an.
»Wer war der Vater?«, fragt Amelie.
Maria seufzt erneut. »Ach Kind … Roman war meine erste große Liebe. Wir haben uns viel geküsst und gestreichelt. Als seine Eltern eines Abends verreist waren, hat er mein Nein ignoriert.« Sie schüttelt den Kopf. »Ich war wohl nicht energisch genug.«
»Oma«, flüstert Amelie. »Das war eine Vergewaltigung.«
»Was auch immer es war, ist lange her. Kurz darauf habe ich einen wundervollen Mann kennengelernt: deinen Opa.«
Ein Handy vibriert. Julia steht auf und schaut nach. »Es ist dein’s Amelie. Max ruft schon zum achten mal an.« Sie reicht ihrer Tochter das Smartphone. »Schreib ihm doch kurz, dass es dir gut geht. Morgen kann er dich gern besuchen.«
Amelie nimmt das Gerät lächelnd entgegen. »Eines Tages haben wir vielleicht wirklich ein Kind zusammen«, murmelt sie verträumt.

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