Ein Märchen


A oder B

Irgendetwas ist anders, das spürt Kevin genau. Vorsichtig schaut er unter der Bettdecke hervor. Sein Ranzen steht unter und die Legosteine liegen auf dem Schreibtisch. Vor seinem Bett wartet das Häufchen Kleidung, wie er es gestern abgestreift hat.
Da hört er seine Eltern: »Siehst du denn nicht, dass A richtig ist!«
»Wie kann jemand so vernagelt sein. A ist totaler Quatsch. B ist richtig!«
Kevin seufzt und beneidet wieder einmal seinen Freund Max, dessen Eltern sich nicht miteinander, sondern nur mit den Nachbarn streiten, weil beide an B glauben.
Kevin schlüpft leise in seine Sachen. Vielleicht schafft er es sich hinauszuschleichen, bevor Mama und Papa beginnen auf ihn einzureden. Beide wollen, dass er ihnen zustimmt, dabei versteht er das alles gar nicht.

Wieder hat er dieses Gefühl … Erneut schaut Kevin sich suchend um und kann keine Veränderung entdecken.
Von draußen hört er laute Rufe: »Sieh es doch endlich ein!«
»Nein, denn ich habe Recht!«
Vor dem Fenster zieht ein neuer Tag herauf. Da entdeckt Kevin auf dem Fensterbrett zwei – er hat keine Ahnung, was es ist. Die kleinen Kugeln leuchten aus sich heraus. Wie konnte er sie bisher übersehen?
Vorsichtig öffnet Kevin das Fenster und nimmt die beiden Leuchtkugeln in die Hand. Sie fühlen sich glatt und warm an.
Sofort hat Kevin eine Idee. Er wird sie seinen Eltern schenken. Vielleicht lenkt sie das von ihrem Streit ab – wenigstens für einen Moment.

Langsam nähert sich Kevin der Küche. Er versucht einen Moment abzupassen in dem es etwas ruhiger ist – aber der scheint nicht zu kommen. Trotzdem seine Eltern sich weiter anschreien, betritt Kevin die Küche. Sie beachten ihn nicht.
»Verdammt, es ist nun mal B richtig«, brüllt sein Vater.
Während seine Mutter zurückschreit: »So ein Quatsch, nur A kann stimmen«, schiebt Kevin seinem Vater eine der Kugeln in die Hand.
»Aber … aber … ich hab doch nur Angst …«, stottert sein Vater plötzlich.
Bevor seine Mutter etwas erwidern kann, schiebt Kevin ihr die andere Kugel in die Hand.
»Ich auch …«, gesteht sie.
Kevin bleibt staunend stehen. Er rührt sich nicht, um nicht zu unterbrechen, was geschieht.
Seine Eltern sehen sich an. Dann setzen sie sich an den Tisch, ganz nah beieinander. Sie halten sich an den Händen und sprechen miteinander. Kevin kann sie nicht verstehen, aber ihm ist auch egal, was sie reden, die Hauptsache, sie tun es.
Nach einer ganzen Weile stehen seine Eltern auf und umarmen sich. Erst dabei scheinen sie zu bemerken, dass sie noch immer eine Hand zur Faust geschlossen haben. Beide öffnen sie. Kevin tritt zu ihnen und staunt. Sowohl in Mamas, als auch in Papas Hand liegen zwei leuchtende Kugeln.
Kevin kann sich das nicht erklären, aber erst einmal kommt er gar nicht dazu, darüber nachzudenken, denn seine Eltern umarmen ihn. Er kann sich nicht daran erinnern, wann sie dies das letzte mal getan haben. Er schluckt, schluckt, um die Tränen, die in ihm aufsteigen los zu werden. Es gelingt ihm nicht. Er lässt sich vollkommen in die Umarmung fallen und die Tränen fließen.

Einige Zeit später sitzen sie zusammen am Tisch und frühstücken.
»Was sind das für Kugeln?«, fragt seine Mutter.
»Ich habe sie heute morgen auf dem Fensterbrett gefunden.«
»Sehr merkwürdig«, bemerkt sein Vater.
Kevin hat eine Idee. »Ich glaube, ihr müsst sie weitergeben.«
»Du meinst, damit noch mehr Menschen aufhören zu streiten?«
»Ja … Stell dir vor, die Kugeln verdoppel sich immer wieder. Wir haben das gerade in Mathe, beim Binärcode. Nach einer Woche würden schon 128 Menschen nicht mehr streiten und nach zwei Wochen …« Kevin rechnet schnell weiter. »… wären es schon 16.384 und irgendwann würde niemand mehr streiten.«
»Dann würden alle über ihre wahren Gefühle und ihre Träume reden. Das ist eine tolle Vorstellung.«
»Also, wem geben wir unsere Kugeln?«

»Das ist eigentlich gleichgültig, denn jeder wird früher oder später auf jemanden stoßen, mit dem er streiten würde.«
Kevins Eltern überlegen noch kurz, wie sie es anfangen, die Kugeln weiter zu geben. Er ist jetzt schon glücklich. Schon bald kann er seine Großeltern wieder sehen und seine anderen Freunde.

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Das Foto der Kugeln ist von rihaij bei pixabay.de

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