mädchen

Die Geschichte von einem Mädchen, das sich anzieht


In der achten Klasse hatte Lara in einem Buch das Wort fadenscheinig gelesen. Sie hatte keine Ahnung, was es bedeutet. Zu der Zeit dachte sie schon nicht mehr, dass ihre Mutter alles weiß, aber dieses Wort konnte sie erklären: alt und abgenutzt. Eine wirkliche Vorstellung hatte Lara dann noch immer nicht.
D
as ist inzwischen anders.
Lara
schaut in den großen Spiegel und betrachtet ihren, in das Badetuch eingewickelten, Körper. An einigen Stellen sieht sie ihre Haut hindurch schimmern, so abgegriffen ist das Tuch.
Trotz allem soll dies ein besonderer Tag werden. Seit einem Jahr ist sie mit Jan zusammen und genau an diesem Wochenende sind seine Eltern verreist. Als wenn das Universum es so wollen würde.
Sie holt den Slip aus seinem Versteck. Sie hatte ihn auf einem Wühltisch im Kaufhaus entdeckt. Weiß mit einem schmalen Spitzenrand lag er für 5,- Euro in einem Korb und schien nur auf sie zu warten. Dann konnte ihre Mutter ihr kein Taschengeld geben, weil erst der Mixer und dann der Kühlschrank kaputt gegangen war. Da hatte sie den Slip heimlich eingesteckt. Noch immer wird sie rot, wenn sie daran denkt.
Wie gut, dass sie allein sind, so hat sie das kleine Zimmer für sich und ihre Mutter die Schlafcoach im Wohnzimmer. Den Slip hat sie mit der Hand gewaschen und in ihrem Zimmer getrocknet.
Jetzt steigt Lara hinein. Er passt perfekt. Den BH, verfärbt von Schweiß und häufigem Waschen, lässt sie heute weg. Stattdessen zieht sie das enge rote Shirt an, das Jan so gern an ihr mag; dazu die zigfach geflickte Stretchjeans.

Im Flur streift sie eine Jacke über und schlüpft in die Turnschuhe. Der Riss am Rand ist schon wieder größer. Sie wird neue Schuhe brauchen. Aber das erzählt sie ihrer Mutter jetzt nicht. Ihr kummervoller Blick soll den Tag nicht gefährden. Stattdessen sagt sie: »Tschüss Mam, ich bin dann weg.«

 

———————————————————————————————–

Arbeitslosengeld II genannt Hartz 4

Ich weiß nicht, welcher Schicksalsschlag die beiden ereilt hat, um in diese Situation zu kommen, aber es kann jeder/jedem passieren, dass sie/er krank wird oder der Arbeitgeber pleite macht.

Lara und ihre Mutter bekommen als Bedarfsgemeinschaft zusammen 717,- € (328,- € plus 389,- €) vom Jobcenter. Laras Kindergeld wird komplett angerechnet, d.h. der Regelsatz wird um die Summe (204,- €) gekürzt. Lara erhält also nur 124,- € vom Amt. Sollte Laras Vater Unterhalt bezahlen, wird auch dieser angerechnet. Fällt er höher aus, als 124,- €, bekommt Laras Mutter entsprechend weniger, obwohl der Kindesunterhalt doch dem Kind zugute kommen soll.
Es bleiben also immer 717,- €. Zusätzlich erhalten sie die Warmmiete.
Das klingt erst einmal viel, jedoch werden auch Strom und alle Anschaffungen wie Hausrat und Kleidung aus dieser Summe bestritten.

Experten haben festgelegt, wie sich der Regelsatz für die beiden auf die ermittelten Grundbedürfnisse verteilt. Hier ein paar Beispiele:
Nahrung, alkoholfreie Getränke (34,86 %) 249,95 €
Bekleidung, Schuhe (8,76 %) 62,81 €
Wohnen, Energie, Wohninstandhaltung (8,87 %) 63,60 €
Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände (6,16 %) 44,17 €

Meist ist es jedoch so, dass die 8,33 € am Tag für die Ernährung von Lara und ihrer Mutter einfach nicht ausreichen und folglich keine Rücklagen für zu ersetzende Haushaltsgeräte gebildet werden können.

In diesem Diagramm wird die Verteilung des Regelsatzes für einen alleinstehenden Erwachsenen veranschaulicht:
https://www.hartziv.org/wp-content/uploads/hartz4-regelsatztorte2020-1.jpg

 

Vielen Dank für das Bild an Bruloos bei Pixabay.com, welches ich bearbeitet habe.

Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *