erfolgreich

Der zweite Daniel 1


Daniel betastet behutsam den Verband über seiner rechten Schläfe. Darunter verbirgt sich das Werk der Chirurgen. Vier Stunden hatte es gedauert seinen Schädel zu richten.
Vorsichtig verändert er die Position im Bett, um nicht den Schmerz in einer der anderen Verletzungen unnötig zu verstärken. Anschließend betrachtet er erneut das Bild, das Doktor Crämer ihm gegeben hat. Die Zeichnung eines Hirns ist in verschiedene farbige Areale unterteilt. Rot zieht sich über Stirn und Schläfe der rechten Seite. Daneben steht episodisch-autobiografisches Gedächtnis. Dort trafen ihn die Schläge und verursachen seinen Zustand.

Es klopft und die Tür öffnet sich, noch bevor Daniel »Herein« rufen kann.
»Hallo Felix! Heute also in Türkis. Steht dir super«, grüßt er erfreut.
Der Pfleger versorgt ihn mit Informationen, wie aktuellen Testergebnissen, Nachrichten und Klatsch. Seit Daniel ihn darauf aufmerksam gemacht hat, dass Schwester Annika sein Interesse erwidert, erfährt er außerdem alles über die sich langsam anbahnende Beziehung.
Felix grinst, stellt eine Reisetasche achtlos auf den Boden und setzt sich vorsichtig zu ihm auf die Bettkante. »Wenn dir mein Look gefällt, habe ich dir sicher die richtigen Klamotten eingepackt. Aber zuerst, die übliche Frage: Welcher Tag ist heute?«
Daniel seufzt. »Ich weiß doch inzwischen, das wir August 2016 haben. Ihr habt es mir oft genug gesagt. In meiner Erinnerung ist trotzdem März 2011 und ich habe noch zwei Wochen, bis ich meine Bachelorarbeit abgeben muss.«
»Also sind keine weiteren Teile deiner Lebensgeschichte aufgetaucht. Vielleicht helfen dir meine Neuigkeiten … oder das hier!« Felix greift in die Tasche und hält Daniel einen Becher Rote Grütze entgegen.
»Toll, das hat mir gefehlt«, freut der sich.
»Da in deinem Kühlschrank vier Becher standen, dachte ich, es sei eine gute Idee, dir einen mitzubringen«, erklärt Felix schmunzelnd und reicht Daniel einen Löffel.
»Seit meiner Kindheit liebe ich dieses Zeug. Früher hat Oma oder Mama es für mich gekocht. Das schmeckte noch viel leckerer. Nachdem sie alle nicht mehr da sind, habe ich es selbst versucht. Frag nicht nach dem Ergebnis.« Er stellt seine Lieblingsspeise einstweilen auf den Nachttisch. »Aber, zurück zu deinen Neuigkeiten.«
Gespannt wartet Daniel, hin und her gerissen, zwischen Hoffnung und einem ganzen Haufen anderer Gefühle.
Gestern wurde er in dieses Einzelzimmer verlegt, nachdem eine Versicherung seine Zugehörigkeit bestätigt hatte. Zu erfahren, dass er Privatpatient ist, hatte ihn schockiert. Das passte so gar nicht zu ihm. Was würde er jetzt zu hören bekommen?

Felix räuspert sich: »Die Polizei hatte ja schon bestätigt, das die Täter mit dem Schlüssel, den sie dir abgenommen haben, in deine Wohnung gegangen sind. Gut, dass du keine Ahnung hast, was dir geklaut wurde.«
Daniel lacht gequält. Felix‘ Humor ist sicher nicht jedermanns Sache. In den letzten Wochen war ihm der jedoch lieber, als dieses weichgespülte Verständnis.
»Die Diebe haben auf jeden Fall Fernseher, Computer und Musikanlage mitgenommen. Die Dame vom Sozialdienst, mit der ich in deiner Wohnung war, hat versucht anhand von Rechnungen alles aufzulisten. Frau Jäger wird sich auch mit deiner Versicherung auseinandersetzen. Die Polizei bekommt ebenfalls die Informationen für ihre Ermittlung … «
»Wie sieht es denn dort aus? Ich meine, wie lebe ich?«, fragt Daniel ungeduldig dazwischen.
»Also arm bist du nicht«, platzt Felix heraus. »Teures Apartment, schick eingerichtet, soweit sich das im Moment beurteilen lässt. Du fährst einen BMW X6.«
»Was? So einen Angeberschlitten?«
»Ja. So was braucht man wohl als Key Account Manager für internationale Businesskunden bei Sunroof.«
»Ich verstehe das nicht. Mein Plan ist doch ganz anders. Ich will nach der Prüfung in die Entwicklungshilfe. Solarstromanlagen für die einfachen Menschen in Ghana und Bangladesch bauen. So können sie abends lernen und arbeiten ohne die gesundheitsschädlichen Kerosinlampen.«
»Daniel, das war dein Plan. Jetzt ist es, wie es ist.«
»Aber warum?«
In seiner Hilflosigkeit überkommt ihn eine Riesenwut auf die Männer, die ihn ausgeraubt und halb tot geschlagen haben. Einen kurzen Moment wünscht er, sie hätten ihr Werk vollendet.

»Was ist mit Julia? Wir wollen zusammenziehen – also wir wollten. Sie wird doch längst nach mir suchen.«
»Nein, keine Frau, keine Freunde, keine persönlichen Fotos mit Menschen. Der Hausmeister – er ist eher ein Concierge und hat uns deine Tür aufgeschlossen … Jedenfalls kennt er dich nur kurz angebunden. Er erinnert sich auch nicht an Besucher. Du scheinst hauptsächlich zu arbeiten.« Ratlos schweigt Felix.
»Wie kann ich denn so ein oberflächlicher Arsch geworden sein?«
»Keine Ahnung, ob du ein Arsch warst. Sunroof verkauft, wie der Name vermuten lässt, Photovoltaik-Dächer. Das passt zu deinen ursprünglichen Plänen.«
»Ja … ich muss mich wohl an den Gedanken gewöhnen, vielleicht nie zu erfahren, wie es so kommen konnte«, seufzt Daniel. »Wer ich bin, ist ohnehin eine philosophische Frage. Ich habe mich vor drei Wochen als ich bezeichnet, genauso wie vor fünf Jahren und beide Male glaubte ich zu wissen, wer dieses ich ist.«
»Sind die beiden Daniels denn wirklich dermaßen unterschiedlich, wenn du von den offensichtlichen Dingen mal absiehst?«
»Vieles ist auch gleich geblieben … zum Beispiel, dass ich nach wie vor Rote Grütze liebe.« Daniel greift lachend nach dem Becher. »Danke für deine Hilfe.«
»Gerne«, sagt Felix schlicht und steht auf um zu gehen.
»Ich wünsche dir einen ruhigen Dienst und viel Spaß mit Schwester Annika«, verabschiedet Daniel ihn augenzwinkernd. »Ich werde jetzt meine neue Zukunft planen. Vielleicht hast du ja später noch mal etwas Zeit.«
»Für dich nehm’ ich sie mir«, verspricht Felix, während er die Tür schließt.


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