Traum

Der Traum


Vor kurzem ist mir aufgefallen, dass ich bei Facebook sehr häufig mit “wütend” auf einen Beitrag reagiere, obwohl es auch “Gefällt mir”, “Haha”, “Love”, “Wow” und “traurig” zur Auswahl gibt.
Zuweilen haben mir die schlechten Nachrichten über die dreiste Art einiger Politiker oder den neusten nicht geahndeten Skandal den Spaß daran verdorben nach meinen Freunden zu schauen.
Irgendwohin musste ich mit diesem Gefühl. Da ist Karla entstanden, die Protagonistin meiner neuen Geschichte.
Was Karla am Ende wirklich tut, kannst du entscheiden. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Der Traum

Karla tanzt zu den dröhnenden Klängen aus den mit Aufklebern übersäten Boxen. Die Scherben singen von ihrem Traum, der auch Karlas Traum ist.
„Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird!“, singt sie mit Ralf, Rio, Kai und Wolfgang.
Karla hat immer alles gegeben.
Heute trägt sie wieder den weiten geblümten Demo-Rock. Selbst wenn sie von der Polizei eingekesselt waren, ermöglicht er ihr unauffällig zu pinkeln. Bei Sitzstreiks konnte sie den Stoff unter sich zusammenknuddeln, damit sie bequem saß, bis sie Stunden später weggetragen wurde.
Steine hatte sie nie geworfen, Gewalt immer abgelehnt.
Viele ihrer alten Freunde hatten aufgegeben, sich für mein Haus, mein Auto, mein Boot entschieden.
Sie selbst hatte nichts davon, nicht einmal Kinder, hätte sie doch jederzeit wegen Landesfriedensbruch ins Gefängnis kommen können.
Hatte sie mit all ihrem Einsatz etwas zum Besseren verändert, hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit, Miteinander, Frieden?
Der spöttische Zug um ihren Mund, den sie seit einiger Zeit trägt, zeigt sich jetzt deutlich.

Nachher präsentiert sich der neue Kanzler erstmals dem Volk. Er will die Sozialleistungen kürzen, die Rente privatisieren und jeden, der nicht deutsch genug ist, davonjagen. Das verpackt er natürlich in Worte, die weitaus besser klingen. Dafür wird er gefeiert.
Karla will auch feiern, endlich ihren Traum leben.
Die letzten Takte der Musik verklingen.
Heute wird Karla ein Zeichen setzen.
Gut, dass sie schon so alt ist. Ihre Falten hat sie mit Kajal geschwärzt, um sie tiefer scheinen zu lassen. Zusammen mit dem Gehstock wirkt sie nun hochbetagt. So eine alte Frau wird man ganz nach vorn lassen, damit sie dem neuen Kanzler in die Augen schauen kann.

Bevor sie aufbricht, bindet sie unter ihrer Jacke den Gürtel um, an dem sie lange gebastelt hat.

 
Achja,

wer den Song von Ton Steine Scherben nicht kennt oder mal wieder hören möchte…

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