imRaum

Bitte bevor raten Sie sich


Früher war dieser Satz hin und wieder in einer großen Supermarktkette zu lesen, wenn ein Produkt angeboten wurde, das normalerweise nicht zum Sortiment gehörte. Heute ruft uns das Radio dazu auf. Wir sollen Wasser und Konservenvorräte für mindestens zehn Tage einlagern – für den Fall einer Katastrophe.
In meiner Kindheit war die Sowjetunion unser Feind. Immer wieder hörte ich, dass von dort Gefahr droht. Die Mauer, die das Berlin in dem ich lebte, umschloss, erinnerte mich täglich daran.
Ich hatte Angst. Jahrelang.
Als Erwachsene konnte ich mich, einhergehend mit Glasnost und Perestroika, ganz langsam davon befreien.
Jetzt soll ich wieder Angst haben?
Ich glaube nicht, dass mir dieses lähmende Gefühl im Moment weiterhelfen kann.
Angst würde mein Herz verschließen und das Mitgefühl töten, das ich für andere habe.
Angst würde sich ausweiten auf andere Gebiete, das weiß ich aus Erfahrung.
Angst vor fremden Menschen, fremden Situationen, allem was ich nicht kenne, wäre das Ergebnis.
Mein Leben wird irgendwann enden und ich hoffe, dass dies nicht auf gewaltsame Art geschieht. Bis dahin werde ich in dieser Welt leben, die angefüllt ist mit den ängstlichen Gedanken vieler Mitmenschen. Ich verstehe sie, verstehe warum sie so fühlen und denken.
Ich selbst versuche meine Angst nicht zu füttern, sondern ihr so wenig Macht wie möglich über mein Leben zu geben. Damit kann ich nicht beeinflussen, ob mir etwas zu stößt. Aber selbst wenn, ist die Zeit bis dahin unbeschwerter.
Also lächle ich fremde und bekannte Menschen an, reiche wenn möglich eine helfende Hand und singe vor mich hin, wann immer mir danach zu Mute ist.

Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *