fibro-artikel

Die Gruppe


Ich wurde gebeten für eine Gruppe eine Geschichte zu schreiben, die im Selbsthilfespiegel veröffentlicht wird.
Das habe ich natürlich gern getan und auch noch beim Flyer mitgeholfen.
Die Struktur war vorgegeben, die Bilder sowie der Text im Innenteil sind von mir.
Meine AuftraggeberInnen waren zufrieden und entlohnten mich mit viel Lob und einem Lächeln.

Fibromyalgie = fibra Faser – mys Muskel – álgos Schmerz

 

Die Gruppe

Schmerz überflutet die linke Hüfte, strahlt in den Oberschenkel, den Po, die Taille, wird immer stärker und weckt Sara schließlich auf.
Vorsichtig dreht sie sich um und reibt mit der Hand die nun oben liegende Körperseite. Der Schmerz bleibt, aber es tut gut ihm etwas entgegenzusetzen, auch wenn es nur die kreisende Berührung ihrer Handfläche ist.
Sara tastet nach der Wärmflasche, findet sie und ist enttäuscht. Sie ist kalt. Natürlich ist sie im Laufe der Nacht abgekühlt. Somit muss ihr Körper warten, bis sie nachher aufsteht und ihre Wärmflasche den wechselnden Einsatz an Nacken, Bauch, Rücken, Schulter, Hüfte und wieder Bauch, beginnen kann.
Warten scheint eine ihrer Hauptbeschäftigungen geworden zu sein. Warten, dass der Schmerz nachlässt, dass die Tabletten wirken, dass die Nacht vorbei ist, auf den Termin beim Arzt.
Am häufigsten wartet sie jedoch auf das Verständnis ihres Gegenübers – meist vergeblich.
Wie spät ist es eigentlich? 4:13 Uhr, also hat sie trotz der vielen Unterbrechungen beinahe fünf Stunden geschlafen. Damit wird sie den Tag durchstehen können.
Langsam setzt sich Sara auf die Bettkante. In den letzten Monaten hat sie sich angewöhnt dort ihren Nacken zu denen. Behutsam dreht sie den Kopf nach rechts. Über die Schulter schauen kann sie schon lange nicht mehr, trotzdem hofft sie, dass die Dehnübungen langfristig helfen.
Immerhin weiß sie jetzt, dass sie nicht schaden. Nach gefühlten hundert Arztbesuchen in denen ihr gesagt wurde, sie bilde sich das ein, sei empfindlich, könne gar keine Schmerzen haben … hat sie nun eine Diagnose: Fibromyalgie.
Ganz benommen war sie vom Arzt nach Hause gekommen, der ihr nichts weiter erklärt hatte. Im Internet fand sie ausführliche Beschreibungen der Symptome und vermuteten Ursachen. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Mit Tränen überströmtem Gesicht saß sie vorm Monitor, erkannte sich in den Berichten anderer Menschen, meist Frauen, wieder.
Sie ist nicht verrückt. Sie ist wirklich krank.
Inzwischen hat sie den Kopf auch nach links gedreht und gedehnt, was sie dehnen kann. Trotzdem sitzt sie noch immer auf der Bettkante, braucht wie bei fast allem einige Zeit, bis sie sich aufraffen kann.
Die Kälte treibt Sara schließlich in ihren dicken Bademantel. Je kälter, desto Schmerz, versucht sie ihr Empfinden immer in Kurzform zu erklären.
In der Küche setzt sie Wasser auf. Die Bewegung zu den Teebeuteln, die sich in einem Regal auf Augenhöhe befinden, stoppt kurz vor dem Ziel. Höher bekommt sie ihren Arm heute nicht. Sara stellt sich auf die Zehenspitzen, um den Rest der Strecke zu überwinden.
Mit dem fertigen Tee und ihrer Wärmflasche kuschelt sie sich aufs Sofa in eine Decke. Papier und Stift hatte sie zuvor bereit gelegt. Heute ist nämlich ein besonderer Tag. Nachher wird sie eine Selbsthilfegruppe besuchen, andere Menschen mit Fibromyalgie treffen. Jetzt macht sie sich ein paar Notizen zu Dingen die sie beschäftigen, die sie wissen möchte. Auf ihr Gedächtnis ist in letzter Zeit nicht viel Verlass, so hat sie sich angewöhnt ihre Überlegungen festzuhalten.
Zum Glück muss sie das nachher nicht erklären, ebenso wenig wie eine ungewöhnliche Sitzhaltung, wenn die Schmerzen so besser auszuhalten sind, ihre Erschöpfung oder eins der anderen seltsamen Begleitsymptome. Neben dem Informationsaustausch freut sie sich darauf am meisten.

Die Fibro-Gruppe trifft sich am zweiten und vierten Dienstag im Monat in der Selbsthilfekontaktstelle in Witten.
Sara ist dort nicht zu finden. Sie ist keine reale Person, sondern steht hier stellvertretend für alle Betroffenen.
Interessierte heißen wir TeilnehmerInnen herzlich Willkommen.

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