lesung2018

Abseits


Nachdem wir das Jahresthema festgelegt hatten, habe ich überlegt, wann ich mich ausgegrenzt fühle und wodurch ich womöglich andere Menschen ins Abseits schiebe.

Verbunden

„Sie haben Ihr Ziel erreicht. Das Ziel liegt auf der rechten Straßenseite.“
Der Golf gleitet pünktlich um 19:30 Uhr auf den für Besucher ausgewiesenen Parkplatz. Erstaunt betrachtet Lars das helle Einfamilienhaus.
Auf sein Klingeln öffnet eine Frau in weißer Jeans und T-Shirt. Ihr Gesicht wird von einem modischen Kurzhaarschnitt umrahmt.
„Hallo, ich bin Malina.“ Sie lacht. „Und ich habe weder rotes wildes Haar noch wallende Gewänder.“
„Stimmt, so etwas hatte ich erwartet.“ Lars grinst.
„Da bist du nicht der erste und sicher nicht der letzte.“
Lars folgt Malina durch den sommerlich blühenden Garten in einen Pavillon. Bodentiefe Fenster, weiße Wände und sandfarbener Polyrattan laden zum Verweilen ein. Lediglich einige helle Holzmöbel lassen vermuten, dass der Raum nicht nur zum Entspannen genutzt wird.
Malina fordert ihn mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Lars gähnt.
„Damit wären wir direkt beim Thema. Bitte erzähl von deinen Schlafproblemen.“
„Also – es fing vor etwa einem Jahr an. Ich habe immer wieder den gleichen Traum und erwache panisch. Mein Hausarzt schickte mich zum HNO, zum Kardiologen und so weiter. Selbst im Schlaflabor konnten sie nichts Auffälliges finden. Der Psychologe vermutet ein verdrängtes Trauma. Geholfen hat alles nichts. Inzwischen schaffe ich es kaum noch, meinen Job zu machen. Darum brachte mir eine Kollegin deine Visitenkarte mit.“ Mit einer Geste, die anzeigen soll, dass er daraufhin nun hier sei, weil ihm einfach nichts anderes mehr einfallen will, beendet Lars seine Schilderung.
„Jetzt beschreibe mir bitte, was du träumst – möglichst genau.“
„Im Traum fahre ich seltsamerweise mit der U-Bahn. Ich bin der einzige im Abteil. Die Monitore an der Decke sind ausgefallen. Außer Graffiti und Werbung gibt es nichts zu sehen. Da fährt der Zug in den Bahnhof ein. Kottbusser Tor. Vor der Tür steht niemand, aber ich sehe einen Mann, der angerannt kommt. Er trägt einen schwarzen Hoodie. Diese Art Kapuzenpulli, mit der Krawallmacher ihre Opfer schon vor jeder Tat einschüchtern. Seine Fäuste sind geballt. Die Kapuze verbirgt sein Gesicht. Er stürzt in den Zug – auf mich zu. Ich wache voller Angst auf.“

„Fühlst du dich sicher?“
„Jetzt hier? Ja, doch, schon.“
„Und sonst?“
„Naja, es gibt schon einiges, wovor ich Angst habe, wie Jobverlust, Attentate, Überfälle …“
Malina steht auf und tritt zu einem der Schränke. „Ruh dich aus. Ich bereite dir etwas zu.“

Einen Moment später stellt sie ein Fläschchen neben Lars. „Gib mir bitte deine linke Hand.“
Zögernd streckt er sie aus.
Malina schlingt ein rotes Band diagonal über die Handfläche und schließt es mit einem kunstvollen Knoten.
„Fahr jetzt nach Hause und geh zu Bett. Dort trinkst du den Kräutersud.“ Sie weist auf das Fläschchen. „Das Band verbindet dich im Traum mit deiner Realität im Wachzustand. Damit bist du dir der Tatsache bewusst, dass du träumst und kannst den Traum beeinflussen.“
Sie geleitet ihn zur Eingangstür und wünscht ihm eine gute Nacht.

Lars schüttelt den Kopf. Er hält das Ganze für Quatsch. Damit Geld und Zeit nicht vollkommen verschwendet sind, folgt er jedoch den Anweisungen.
Wie immer schläft er rasch ein und träumt. Die U-Bahn, die Monitore, Graffiti und Werbung … Alles ist wie immer. Als der Zug hält, schaut der Lars im Traum auf seine Hand. Verwundert zupft er an dem roten Band.
In diesem Moment wird die Waggontür aufgerissen. Der Mann im Hoodie steigt ein. Lars‘ Herzschlag beschleunigt sich. Das Band gibt ihm jedoch das Gefühl, in Sicherheit zu sein.
Der Mann plumpst ihm gegenüber auf die Bank, obwohl doch alle Plätze frei sind. Sein Gesicht bleibt im Schatten der Kapuze verborgen, die Fäuste sind wie immer geballt. Mit voller Kraft schlägt er neben sich auf die Polster. Einmal, zweimal und noch einmal.
Lars tastet nach dem roten Band an seiner Hand, neigt sich zögernd vor und spricht ihn an: „Ist alles in Ordnung?“
„Nein!“, kommt es gepresst unter der Kapuze hervor.
Der Fremde schaut auf. Die schwache U-Bahnbeleuchtung fällt nun auf sein Gesicht. Tiefe Schatten liegen unter seinen Augen, in denen Tränen schimmern.

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