Weihnacht

Abgesagt


Eine Weihnachtsgeschichte von Konnie Matena

 

Das Telefon klingelt.
Emilia wirbelt bei lauter Musik durchs Zimmer. Schwungvoll landet der Bikini bei den anderen Wäschestücken. Auf dem Weg ins Bad, sie will eben ihr Shampoo holen, hört sie das Klingeln.
„Wagner“, meldet sie sich fröhlich.
Während sie ihrem Gesprächsteilnehmer lauscht, fällt ihr Blick aus dem Fenster. Dicke Flocken schweben langsam vom Himmel.
Endlich begreift sie, was ihr am anderen Ende der Leitung umständlich mitgeteilt wird. Ein Wasserrohr sei gebrochen, die ganze Etage überflutet. Darunter auch ihr Gästezimmer.
Drei Tage Wellness, ganz ohne Weihnachtsbrimborium hatte sie gebucht.
Enttäuscht legt Emilia den Hörer zurück. Was soll sie nun tun? Verabredet ist sie erst am „dritten Feiertag“. Bis dahin sind ihre Freunde voll eingespannt mit den eigenen Familien.
Emilias pragmatische Seite gewinnt die Oberhand. Den halb gepackten Koffer kann sie nachher wieder ausräumen. Jetzt muss sie für Essen sorgen. Die Geschäfte schließen um 12:00 Uhr. Ihr bleiben nur zwei Stunden. Sie schiebt die Kleidungsstücke beiseite und beginnt an der freien Ecke des Tisches einen Einkaufszettel zu schreiben.

Es dämmert bereits, als Emilia noch hungrig die Gabel sinken lässt. Richtig lecker schmeckte dieses Fertiggericht nicht. So kurz vor Ladenschluss hatte sie im Supermarkt kein Besseres finden können. Morgen würde sie selber kochen. Das tat sie selten, seit Uwe zu seiner, natürlich wesentlich jüngeren, Freundin gezogen war.
Emilia seufzt. Übermorgen ist sie mit Benjamin zum Skypen verabredet. Aus seinem einen Auslandssemester waren stetig mehr geworden. Inzwischen hat er eine Amerikanerin geheiratet.
Emilia hatte ihren Sohn wie immer im Spätsommer besucht. Außerhalb der Ferien kann sie einen ganzen Monat Urlaub nehmen. Zwei Wochen davon verbringt sie jedes Mal bei Benjamin in Kalifornien, den Rest der Zeit erkundet sie jedes Jahr ein weiteres Stück der USA.
Der Geruch des Fertiggerichts steigt ihr weiterhin aus der Verpackung in die Nase. Energisch stopft sie diese zu dem anderen Müll in die Tüte. Ein guter Grund hinauszugehen.

Nachdem sie die Mülltonne geschlossen hat, sieht sich Emilia um. Sie kennt keine der kleineren Straßen um ihr Apartment. Normalerweise legt sie nur den Weg von der Haustür zu ihrem X3 zurück.
Entschlossen stapft sie über die dünne Schneedecke. Ohne Plan lässt sie sich von einem mit Stuck verzierten Bauwerk in eine Straße leiten und danach in eine weitere, weil dort ein schöner Baum steht. Mit der Zeit wird ihr warm in der dicken Winterjacke. Nur ihre Wangen sind von der Kälte gerötet. Nach Hause möchte sie noch nicht.
Sie hätte sich eine DVD ausleihen sollen. Das Fernsehprogramm an Heiligabend ist immer so kitschig-romantisch. Aber dafür ist es nun zu spät.
Von der anderen Straßenseite kommt ein Mann. Er ist der erste Mensch der ihr begegnet. Es scheint wirklich auf sie zuzukommen. Was will er?
Gut einen Meter entfernt bleibt der Fremde stehen. „Hallo. Wir dich sehen alleine.“ Er zeigt auf ein Geschäft an der Ecke. Hinter dem Schaufenster sind Gestalten zu erkennen. „Kommen mit. Trinken Tee. Bitte.“ Einladend weist er mit der Hand und setzt sich langsam in Richtung des Ladens in Bewegung.
Emilia folgt ihm, obwohl sie sich innerlich dafür tadelt, solch ein Risiko einzugehen.
Im Haus reichte ihr eine Frau eine Tasse, eine andere deutet auf einen Stuhl.
Etwa fünfzehn Leute sitzen bei Tee und Gebäck zusammen. In einer Ecke spielen sechs Kinder. Gesprächsfetzen in Englisch, Arabisch, sowie weiteren Sprachen dringen an ihr Ohr. Schnell ist sie in ein Gespräch eingebunden. Fragen, die in kehligen Lauten an sie gestellt werden, finden sofort einen Übersetzer.
Mit der Zeit erfährt sie, dass hier ein Nachbarschaftstreff ist. Heute sind nur Menschen anwesend, in deren Kultur kein Christkind geboren wurde.
Die Muslime und Hindus hatten sich erklären lassen, wie Weihnachten gefeiert wird. Daraufhin wurde dieses alternative Fest geplant – ohne Tannenbaum, aber mit leckerem Essen.
Jetzt nimmt Emilia deutlich den würzigen Geruch wahr und ihr wird klar, weshalb mehrmals eine der Frauen durch die rückwärtige Tür verschwindet.
Die Gespräche drehen sich auch um Kultur und Religion. Dabei werden ebenso Gemeinsamkeiten gefunden, wie Unterschiede. Spannend findet Emilia, dass Feste in einigen Glaubenslehren jedes Jahr auf einen anderen Tag fallen. Der Mond im Jahreslauf zeigt an, wann gefeiert wird.
Sowie das Essen fertig ist, wird Emilia auch dazu eingeladen. Sie hilft beim Tischdecken und zündet neue Kerzen an. Als die kleine Fatima von ihr zum Händewaschen hochgehoben wird, stehen die anderen Kinder bereit, um sich auch helfen zu lassen.
Draußen ist es inzwischen stockdunkel. Emilia tritt ans Fenster und sieht hinauf in die Sterne.
Dann ist alles bereit. Die Speisen schmecken vorzüglich. Emilia genießt die unbekannten Gewürze und die Gesellschaft der nun nicht mehr fremden Menschen.
Ganz unbemerkt ist er doch noch zu ihr gekommen: der Geist der Weihnacht.

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